Es heißt Physiotherapie bitte!

 

BILD: TL003

 

Am Anfang standen die griechischen Wörter: Phýsis  für die Natur und den Körper sowie das Wort therapeía  für die Behandlung oder Pflege, was auch immer die Hellas darunter verstanden, ich verstehe darunter Naturheilbehandlung.

Lorenz Gleich (1798-1865), der erste Systematiker des Naturheilverfahrens in Deutschland, benütze schon 1851 das Wort „Physiotherapie“. [1]

In Brasilien während der industriellen Revolution war dieses Wort schon in Gebrauch und ab 1929 als Institutsüberschrift im Krankenhaus Misericórdia (SP) lesbar[2]. In  Frankreich zur Zeit des Eiffelturm-Baus (1887-1889) hat man sich schon von den „Physiotherapeuten“ behandeln lassen. Die Franzosen waren aber schlauer und schneller im Vergleich zu den deutschen Kollegen und haben gleich die Kinésithérapie (Bewegungstherapie) der Physiothérapie untergeordnet.

In Frankreich war schon im 19. Und 20. Jahrhundert das Wort Physiothérapie zu finden, so fand ich den Ausstellungskatalog: „L´Exposition du Troisième Congrès International de Physiothérapie, Paris 29 Mars – 2 Avril 1910“. Wenn man darin blättert, wird einem klar, warum ich die Aussage treffe. Frankreich war ein wichtiges Zentrum der Physiotherapie im 19. Jahrhundert. Ich vermute sowieso, dass sich die Physiotherapie über Frankreich nach Deutschland ausgebreitet hat und nicht, wie bisher angenommen, über Schweden.

Ich komme jetzt zum oben abgebildeten „Wisch“ Coupon. Diese Feststellung, dass Physiotherapie als Wort alt ist, kann ich leicht durch den oben abgebildeten „Wisch“ von 1912 beweisen. Insgesamt habe ich drei „Behandlungscoupons“ eines französischen Soldaten, der sich im bekannten Thermalbad bei Vichy behandeln ließ. Diesen Rückschluss ziehe ich aus einer Beschreibung in dem oben genannten Katalog.  Ich vermute, dass dieser Soldat einen Block „Carnet“ von solchen Coupons hatte, die er an den vorangemeldeten Behandlungstagen abgab.

Vichy war um 1910 ein tolles „Kur“- Städtchen mit ca. 15.000 Einwohnern. Von Paris brauchte man mit dem Zug ca. 6 Stunden, um diesen Urlaubsort zu erreichen. Dort tummelten sich die Reichen und Schönen. Neben Oper, Casinos, Restaurants, Luxushotels und Krankenhäusern befand sich auf genau 3 Hektar Fläche das staatliche „L´Établissment Thermal“. Die Menschen die sich dort behandeln ließen wurden in drei Klassen eingeteilt. Der obengenannte Soldat war in der 2. Klasse untergebracht und musste somit die „Kinésiothérapie“ durchführen. Wäre er in der 1. Klasse gewesen, hätte er unter anderem auch das Zandern (Mechanotherapie) erleben können. So blieb dem guten Mann folgendes neben der Bewegungstherapie zur Disposition: L`Établissement des deuxiémes classes comprend: 110 cabines de bains; 4 grandes douches avec déshabilloirs; 10 douches ascendates; 1 service complet des bains et inhalations d`acide carbonique, inhalations d`oxygène, 1 bain électrique et lavage d`estomac. Voll schik! Tres chic!!

Wie ersichtlich ließ sich dieser Soldat in der Abteilung Physiothérapie sektor Kinésiothérapie behandeln.

In Deutschland gab es im Zeitraum zwischen 1850 – 1930 viele Begriffe, die sich mit Inhalten der heutigen Physiotherapie beschäftigen. Diese gehören auch zu den Schlüsselwörtern der Geschichte der Physiotherapie: Pflegegymnastik, Hygienegymnastik, Schwedische Gymnastik, Heilturnen, Medizinische Gymnastik, orthopädische Gymnastik und andere. 

Aus dieser Masse an „Bewegungsformen“ taucht irgendwann das Wort „Krankengymnastik“ auf und haftet dem deutschen Wortschatz wie die Beulenpest an. Noch heute kommen Patienten zu mir und wünschen „Krankengymnastik“. Frankreich hat den gleichen Stolperweg durchlaufen. So hieß der Beruf um 1946 „Masseur-Kinésiothérapeute“. Warum sich in diesen Ländern so unterschiedliche Berufsbezeichnungen sich entwickelt haben, kann ich nur vermuten…

            Man rühmt sich hier zu Lande, im Jahre 1994 die „Krankengymnastik“ in „Physiotherapie“ umbenannt zu haben. Dieses wurde aber durch die Europäisierung indirekt aufgezwungen.

 



[1] Brauchle, Alfred. Zur Geschichte der Physiotherapie. 4.Auflage, Karl F. Haug Verlag, Heidelberg, 1971 pp: 9,65

[2] Rebelatto, José Rubens; Botomé, Sílvio Paulo. Fisioterapia no Brasil. 2. Edição, Editora Manole Ltda, São Paulo p: 49

 


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