Die Krankengymnastik

Um 1900 - 1950


Definition von 1967 aus Grosses Donauland-Lexikon:

Sonderform der allg.→Gymnastik, nach versch. Systemen als physik. Behandlung bei bestimmten Erkrankungen (z.B.→ Kinderlähmung), Verletzungsfolgen und Mißbildungen an Gliedmaßen, aber auch als Vorbeugungsbehandlung (z.B. gegen → Thrombose) angewendet. Die K. wird an besonderen Schulen, die meist Universitätskliniken angeschlossen sind, in zweijährigen Lehrgängen nach vorhergehendem halbjährigem Praktikum gelehrt.


Vor(mit)denker

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Brücken: Zeit der hygienischen Volksaufklärung, Aufhebung der Kurierfreiheit, Gesundheit ist Volksgut, Approbierte Heilperson, Titelführung.


Techniken/Methoden/Konzepte

 

          JAHR 

 

GRÜNDER

 

BERUF LAND  
 

Klapp´ sche Kriechen

     

1905er

 

Rudolf Klapp (1873-1949)

Arzt (NS-Geschichte)

 

Deutschland

 

 
 

Alexander-Technik

 

 

     

1910er

 

 

Frederick Mathias Alexander

(1869-1955)

Schauspieler,

Rezitator

 

geb. Tasmanien

 

 
 

Schroth-Therapie 

 

 

 

     

1920er

 

 

 

Katharina Schroth

22.02.1894 - 19.02.1985

geb. Bauer

Gymnastiklehrerin

 

 

 

Deutschland

 

 

 

 
 

Reflektorische Atemtherapie

 

     

1920er

 

 

Johannes Ludwig Schmitt

(1896-1963)

Arzt

 

 

Deutschland

 

 

 
         

1960er

 

 

Liselotte

Brüne

(1916-?)

Krankengymnastin

 

 

geb. Uruguay, Deutschland

 
 

Feldenkrais-Methode

 

     

1920er

 

 

Moshé Feldenkrais

(1904-1984)

 

Ingenieur, Physiker, Judolehrer

 

Ukraine,

Israel,

Frankreich

 
  Manuelle Lymphdrainage Therapie (MLD)      

1930er

 

 

Emil Vodder

(1896-1986)

 

Philologe, Physiotherapeut

 

Dänemark

 

 

 
 

Bobath-Konzept

 

 

     

1940er

 

 

Berta Ottilie Bobath geb. Busse (1907-1991)

Physiotherapeutin

(Eng)

 

Deutschland,

England

 

 
           

Karel Bobath (1906-1991)

 

Neurologe, Kinderneurologe

 

Deutschland,

Tschechien,

England

 
 

Rolfing-Methode

 

     

1950er

 

Ida Rolf

(1896-1979)

Biomechnanikerin

 

USA

 

 
 

Marnitz-Therapie

 

     

1950er

 

Harry Xaver Marnitz

(1894-1984)

Masseur, Heilgymnast, Arzt (NS-Geschichte)

Lettland, Deutschland

 
 

Manipulativmassage nach Terrier

 

     

1950er

 

 

J.C. Terrier

(1918-1992)

 

Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation

Schweiz

 

 

 
                   

Artikel

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Allgemeine Bilder

Krankengymnastik, Gymnastik, Heilgymnastik, Naturgymnastik, Atemgymnastik, Sportgymnastik, Ausdruckstanz ...

 


1900 Licht, Luft, Wasser und viel Lehm

LICHT, LUFT, WASSER UND VIEL LEHM

Text Tobias Langohr 2016

 

Die Helio-  und Fototherapie

Um durch eine Melatoninausschüttung in den Tiefschlaf befördert zu  werden, sollte man dafür sorgen, dass kein Licht in den Raum eindringt. Empirisch, aber auch instinktiv, weiß und braucht es jedes Säugetier. Die Fledermaus geht mit bestem Beispiel voran und klappt sich bei Tage die Flügel vors Gesicht.

Die therapeutische Anwendung des Lichts in Form der Heliotherapie ist (bestimmt)  tausende von Jahren alt, dazu benötigt man kein Bildmaterial, das es ohnehin nicht gibt. Hier kann man die Bemerkung einbringen das selbst für die alten Griechen das Licht so wichtig war, dass Äskulap (Gott der Heilkunde) Sohn des Lichtgottes Phöbus Apollo war, dessen Äskulaptempel zu Epidauros (in Argolis) als Heiligtum und Stammort gewählt wurde.

Ein klassisches Beispiel, welches mir als Kind besonders imponiert hat, sind die Wandreliefs des doch eher unbekannten „Ordens der Rose“. Auf diesen ist zu erkennen, wie ägyptische Götter sich von der Sonne „erleuchten“ lassen.

Heute legt sich jeder in die Sonne oder ins Solarium, wenn er sich „down“ fühlt, um sich schon kurz danach leichter und fröhlicher zu fühlen - moderne „Heilkraft des Lichtes“.

Homer lässt in seinem Werk wissen, dass schon in seiner Zeit die Wirkung des Sonnenlichtes bei der Behandlung von Rachitis bekannt war. Übersetzt heißt es: „…den krummbeinigen Kindern willkommen.“ Andere Autoren folgen, unter anderen Balzacs „Landarzt“, die Lichttherapie wird Bestandteil der Volksmedizin.

Das Licht bietet Schutz und Geborgenheit. Die Dunkelheit macht Angst und Unsicherheit. Im Mittelalter, das von vielen fälschlicherweise als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet wird, hat man sich der Sonne nicht weniger gewidmet. Jedoch gewann die Astroheilkunde (Sternenlehre) mehr an Bedeutung in der Medizin.

Die Lichtkuren als Anwendung in der Behandlung von Atemwegserkrankungen finden in der Zeit zwischen 18.-19. Jahrhundert ihren Anfang.

Mit der Beherrschung von Elektrizität und der Erzeugung von künstlichem Licht entsteht die Fototherapie Ende des 19. Jahrhunderts. Die moderne Anwendung der Helio- und Lichttherapie in der Behandlung u.a. von Rachitis kommt Anfang des 20. Jahrhundert in Europa zur Entfaltung. Ein Hauptgrund dafür war die Industrialisierung und dessen Kinderarbeit.

Der Berliner Kinderarzt Kurt Huldschinski (1883-1940) beobachtete, wie der bereits schon zitierte Homer, die Kinder seiner Zeit (nach dem I. Weltkrieg). Es stellte sich für ihn ein sehr verstörendes Bild dar: Deformitäten der Wirbelsäule, Deformitäten der Beine und Arme sowie erweiterte untere Brustkörbe (klassische Zeichen einer schwerwiegenden Rachitis).

Kurt Huldschinski verwendete in seiner Lichtherapie Schweißerbrillen, die er den Kindern aufsetzte, um diese von Quarzquecksilberlampen („Höhensonnen“)[1] bestrahlen zu lassen.  Alle zwei Tage wurde die Lichtdosis gesteigert (von 2 auf 20 Minuten). Dazu verabreichte Huldschinski Kalzium.

Zeuginnen (Bayern, Baden-Württemberg) berichten, dass Sie diese Form von Anwendung in den 50er und Anfang der 60er Jahren erhalten haben. Es wurde zusätzlich Lebertran verabreicht und man konnte sich noch an einem komischen Geruch erinnern.

Die Ergebnisse waren so beeindruckend, dass er diese publizierte. Die Krankenkassen waren davon überzeugt und ließen in ganz Deutschland „Licht-Badeanstalten“ bauen, die noch bis in die 1960er Jahre in Gebrauch blieben.

Die Zahl der geheilten Kinder durch diese Therapie ging in die Millionen. 1929 wurde K. Huldschinski für den Nobelpreis der Medizin nominiert. Als Jude musste er jedoch Deutschland verlassen und starb, von Europa vergessen, 1940 in Alexandria, Ägypten.

Die Lichttherapie heute in der Physiotherapie ist leider stark in Vergessenheit geraten, obwohl die Wirksamkeit dieser Methode schon öfters bewiesen wurde. Heute unterscheidet man zwischen der schmerzlinderten Ultrarot-/ Infrarottherapie[2] und der antibakteriellen Ultraviolettherapie[3].

Nun gut: wer sich in diese geschichtliche Entwicklung genauer einlesen möchte sollte sich unter anderen das tolle Buch von Uwe Heyll[1] besorgen, darin steht eine gute Zusammenfassung über die Lichttherapie.

 

Die Lufttherapie

Einer der ersten Autoren, der sich der Lufttherapie in Kombination mit der Heliotherapie widmete, war der Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli (1823-1906).  Rikli legte in den Jahren um 1865, mit teilweise seltsamen Prozeduren, den Grundstein für diese „Kur“- Anstalten.

Als ein bekennender Wasserkur-Fan begann er früh, sich für die Literatur der Wasserheilkunde zu interessieren. Diese wandte er testweise an seinen Angestellten an. Früh bemerkte Rikli die Ineffektivität der herkömmlichen Wasserheilkunde, die auf der Heilkraft von kaltem Wasser basierte und begann mit warmen Wassern zu therapieren. Er erfand unter anderem das bekannte „ Bettdampfbad “.

Später begann er mit Luftbädern zu experimentieren.  Diese Behandlungsmethoden waren schon vorher bekannt. Einer der bekanntesten Anhänger war Benjamin Franklin (1706-1790).

Zu aller erst ließ Rikli die abgeschlossene Sonnenbadanlage ( Sonnenbadeanstalt, Cursonnenbad) aufbauen. Es waren Flächen, die von ca. zwei Meter hohen Holzwänden abgeschlossen waren, so dass nur die Sonne ihren Dienst am Körper leisten konnte.

Das Ganze war so ausgeklügelt, dass die Liegen immer leicht gesenkt richtung Süden ausgerichtet waren. So waren die Patienten in leichter Kleidung ca. 45 Minuten der Sonne ausgeliefert. Im Anschluss wurde ein ausgiebiges und abkühlendes Wasserbad genommen. Einige Jahre später schaffte Rikli die Wände ab und reduzierte die Zeit der Expositionen, da viele Patienten durch Überhitzung ohnmächtig wurden.

Diese Lehre von der „Thermodiätetik“ wurde dann mit dem hier folgenden Satz überspitzt begründet: „Jeder Temperaturwechsel, also wesentlich durch Sonnenlicht, Schatten, Wind, Regen, Nebel bedingt, provoziert eine elektrische Strömung in den peripheren Nerven (Innovation genannt), pflanzt sich auf das Nervenzentrum (Gehirnmasse) fort und wird von diesem ( ) mittels feiner Nervenfäden auf die drüsigen und innerhäutige schleim-Organe, sowie auf Gefäßsystem (Blut- und Lympf- Röhrennetz übertragen.“  Übersetzt nach Robert Jütte (1996) heißt es: …es ist ein einfaches Heilverfahren, das auf der Reizempfindlichkeit des menschlichen Körpers basiert.

Sein erster Naturheilkomplex war in Veldes (Bled) im heutigen Slowenien (damals Habsburger Territorium), wo es schnell zu einem Magnet für Kurgäste, Naturheilmediziner und Schaulustige wurde.

Warum die Menschen in dieser Epoche sich dieser doch seltsamen Naturexposition aussetzten mag ich nur vermuten:

        - Das Stadtleben war nicht naturverbunden

        - Raus aus den dicken Klamotten

        - Wenig lichtdurchflutete Gebäude (Gassen)

 

Die Lehmtherapie - oder, „kehr zur Natur zurück

Zuallerletzt galt es alle Naturelemente zu vereinigen.  Der erste Versuch wurde von Adolf Just (1859 – 1936) und Freunde in der Naturheilanstalt „Jungborn“ im Harz durchgeführt. A. Just wird von Uwe Heyll (2006), als der  „letzte naturheilkundliche und fromme Laientherapeut “ beschrieben.

Wie bei allen „Therapeuten“ bezieht sich die von Just betriebene Heilverfahrensforschung auf andere ältere Autoren u.a. Louis Kuhne (Reibesitzbad), Sebastian Kneipp, Vincenz Prießnitz, Johannes Schroth (Algäu Schroth), Arnold Rikli, Heinrich Lahmann. 1918 gründet Just eine Gesellschaft für den Vertrieb von Heilerde, sogenannter „Luvos“. So kam neben Luftbädern und Heliotherapie noch die Anwendung von Heilerde für die orale Einnahme und äußerliche Anwendung hinzu. Bekannt sind u.a. Umschläge, Wicklungen und Bäder. Als „Grunderde“ für diese Methode entschied sich A. Just für den Lehm.

Das „System“ Jungborn verlief anfangs noch sehr erfolgreich mit schätzungsweise 30.000 Besucher im Jahr. Ab den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gerieten sie in Vergessenheit und man „kehrte den Rücken wieder der Natur zu! “. Der Zweite Weltkrieg gab der Familie Just den Rest! Durch die Sowjetbesatzung wurde die Firma enteignet. Kurze Zeit später wurden die Einrichtungen abgerissen.

Größter Anhänger der Heilerde-Therapie war der Pastor Emanuel Felke (1856-1926). Felke war sowohl von der Lehmkur als auch von der Augendiagnostik begeistert, die er bei der Naturheilanstalt Jungborn erlebt hatte. Der „Lehmpastor“ gründete den „Jungborn“ in Repelen, sowie in Diez an der Lahn. Jedes Jahr pilgerten Anhänger aus der ganzen Welt dorthin.  Die Kur bestand aus: Gymnastik, Atemtherapie, Licht-, Luft-, Wasser- und Lehmbädern.

Rasch entwickelten sich mehrere Vereine rund um Krefeld, Essen und Duisburg. 1904 wurde bereits ein Dachverband (Verband der Felke-Vereine) mit ca. 21 Vereinen gegründet. Ab 1908 wurde die Felke-Methode als Ausbildungskurs angeboten. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es bereits über 50 Vereine im ganzen Bundesgebiet. Auch heute gibt es noch die „Ärztliche Arbeitsgemeinschaft für Felketherapie“

Das Zentrum der Felketherapie ist bis heute „Sobernheim“ mit fünf Anstalten. Diese Form der Anwendung ist größtenteils in Vergessenheit geraten.

 

 

 

[1] Unsichtbare Ultraviolettstrahlungen:  Anwendung bei bakteriellen Erkrankungen, schlechte Wundheilung, bei Gicht fördert diese Therapie die Ausschwemmung der Harnsäure, Fistelgänge ( 310 bis 290 Millimikron)- Lampen die dafür benützt worden sind: offene Bogen, Quecksilberdampfquarzlampe, Heldsche Bogenlampe.

[2] 800-1.400 Millimikron, Wirkung: Verbrennungen, Wärme, Erweiterung der Blutgefäße, Schmerzlinderung, Lampen: Aureol, Sollurlampe.

[3] 290-310 Millimikron, Wirkung: Antibakteriell, Ausschwämung der Harnsäure (Gicht). Lampen: Quecksilberdampfquarzlampen, Heldsche Bogenlampen, Offene Bogenlampen

 

 

Heyll, Uwe. Wasser, Fasten, Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. Campus Verlag, Frankfurt/Main, 2006  


Geschichte der Lichttherapie Autoren/Wissenschaftler

  1.  K1.400 v.Chr. Hindus (Heliotherapie)
  2. Assyrer v. Chr. (Heliotherapie)
  3. Ägypter v. Chr. (Heliotherapie) – W. Papyri Ebers und Papyri Ramesseum
  4. 525 v. Chr. Geschichtsschreiber Herodot (490-430 v.Chr.) (Heliotherapie)
  5. 400 v. Chr. Hippokrates (460-377 v.Chr.) (Heliotherapie)
  6. 100 n. Ch. griechisch-römischer Arzt Herodot (Heliotherapie)
  7. 150 n. Chr. Antyllos griechischer Arzt (Chirurg) „Sonnenbäder“
  8. Philostratos W: „De gymnastica“
  9. 350 n. Chr. Oreibasios griechischer Arzt aus Pergamon, „Heiliosis“ übersetzt Sonnenbad
  10. 450 n. Chr. Caelius Aurelianus aus Sicca (in Numidien)
  11. Claudius Galenus (129-200 n.Chr.) (Heliotherapie)
  12.  Avicenna (980-1037) (Heliotherapie)
  13. Henri de Mondeville (1260-1320) (Rotlichttherapie)
  14. 1774 Faure franzose, W: „L´usage de la chaleur actuelle dans le traitment de ulcéres“
  15. 1800 Sir William Herschel (Wilhelm Herschel) (1738-1822), geb. Hannover später England, Physiker (Infrarotstrahlung)
  16. 1802 Johann Wilhelm Ritter (1776-1810), geb. Jena, Physiker (UV-Strahlen)
  17. 1816 Doeberainer Jena, Chemiprofessor, „Lichtbäder“ „Chromotherapie“ Vater der modernen Lichttherapie
  18. Loebel Jena, A „Kastenlichtbad“
  19. 1855 Arnold Rikli (1823-1906) Sonnenbadanstalten „Licht-Luft-Bäder“ (Heliotherapie, Luftbäder)
  20. Adolf Just (1859-1936)
  21. Gustav Schlickeysen (1843-1893), Photograph
  22. Theodor Hahn (1843-1883), Arzt (Heliotherapie)
  23. Moritz Schreber (1808-1861), Arzt und Pädagoge, geb. Leipzig, (Heliotherapie, Luftbäder)
  24. 1894 Kellok, USA A: „Glühlichtbad“ „Chromotherapie“
  25. Oskar Bernhard (1861-1939) (Heliotherapie)
  26. 1903 Auguste Rollier (1874-1954) W: „La Cure du Soleil“ (Heliotherapie)
  27. 1895 Heinrich Lahmann (1860-1905) A: Kohlenbogenlampe (Fototherapie)
  28. 1891 Minin russischer Militärarzt A: „Reflektionslampe“ oder auch „Minische-Lampe“ → wurde von Prof. Dr. Goldschneider weiterentwickelt
  29. 1895 Niels Ryberg Finsen (1860-1904), dänischer Arzt, P: Finsen-Lampe, Fototherapie, UV-Strahlung) – 1896 Gründung des Finsen-Institut in Kopenhagen 1903 Nobelpreis für Medizin (Fototherapie, Lichttherapie) – Vater der modernen Lichttherapie
  30. 1917 Christen „Spektrosllampe“ → 1918 Siemenschen Aureollampe → Landekersche „Ultrasonne“ → Jupiterlampe
  31. 1906 Quarzlampen (↑ UV) Kromayer → 1908 Nagelschmidt → 1911 Bach → 1916 Jesioneksche Hallenquarzlampe
  32. 1919 Kurt Huldschinsky (1883-1941), deutscher Arzt (Pädiatrie), Heilung der an Rachitis erkrankten Kinder durch Bestrahlungstherapie P: Höhensonne
  33. Norman E. Rosenthal, US-Psychiater, moderne antidepressive Lichttherapie
  34. Herb E. Kern, US Mitautor der Weißlichttherapie
  35. 1980er Bühring und Mitarbeiter UV-Effekte
  36. 1932 Lehmann und Szakall (UV-A-Strahlung und UV-B-Strahlung)
  37. Schuh und Mitarbeiter 
  38. 2012 Krause, Rolfdieter, deutscher Arzt und Rainer Stange, deutscher Arzt.Deutschland (Berlin Charité): Buch - Lichttherapie

1901 Johann Hermann Lubinus "Vater der deutschen PHYSIOTHERAPIE"

1893 Lässt sich Johann Lubinus (1865-1937) in Stockholm (Schweden) an den Zandergeräten ausbilden. Dieses Wissen überführte er nach Deutschland.

1895 Gründete Lubinus in Kiel eine Anstalt für Heilgymnastik, Orthopädie mit Massage samt Medico- mechanischem Zander-Institut. Für die damalige Zeit ist diese Verbindung zwischen „manueller und maschineller Heilgymnastik“ ein gewagtes Novum.

1901 Gründet Lubinus die erste private „Lehranstalt für Heilgymnastik“ in Deutschland. Lubinus ist als Vater der deutschen Krankengymnastik und Initiator der Krankengymnastikschulen in Deutschland. Er selber lehrte unter anderem die Fächer: Anatomie, Orthopädie, Mechanotherapie und Massage. Der Lehrplan sieht ein halbes Jahr vor für die Ausbildung zur Turnlehrerin und anderthalb Jahre für Theorie und Praxis der orthopädischen und medizinischen Gymnastik.

1910 Werk: Lehrbuch der Massage.

1910 Werk: Die Verkrümmung der Wirbelsäule.

1917 Ausgabe seines sehr innovativen Werkes: „Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik“. Aus dem „Vorwort“ und der geschichtlichen Einleitung lässt sich deutlich ablesen, wie zukunftsorientiert dieser Arzt zu jenem Zeitpunkt war:

 

„Die Heilgymnastik erfreut sich ärztlicherseits auf dem Gebiete der Inneren und Nervenkrankheiten immer noch nicht der Wertschätzung, die diesem Heilfaktor mit Recht gebührt. Auf chirurgischem und orthopädischem Gebiet dagegen hat sie ihr Ausbreitungsgebiet in den letzten Jahrzenten wesentlich zu vergrößern gewußt und besonders in diesem großen Weltkriege zum Segen für unsere verwundeten Krieger sich herrlich bewährt.“

 

1936 Werk: Massage und Gymnastik während der Schwangerschaft und im Wochenbett.


1901 Schulen für Krankengymnastik

Tobias Langohr, 2015

 

Am Anfang des 20. Jahrhundert wurden die ersten Lehrpläne und die Definition der Prüfungsfächer erstellt.

Fächer waren unter anderem: Orthopädie, Chirurgie, Innere Medizin, Frauenheilkunde, Anatomie, KG Techniken, Gruppenbehandlungen und eigene Körperübungen.

Dauer der Ausbildung 2 Jahre. 

 

 

1901 KIEL Lehranstalt für Heilgymnastik

Adresse: Brunswiker Straße 8-10 -

Vorrausetzungen für die Aufnahme an dieser privaten Schule und darauf folgende Teilnahme an der einjährigen Ausbildung zur "Staatlich geprüfte Heilgymnastin":

  • 1) Einjährige turnerische staatliche Ausbildung (Turnlehrerinnen - Examen), also "von kräftigem Gesundheitszustand" sein.
  • 2) Alter zwischen 20 und 32 Jahre.
  • 3) Abgangszeugnis einer neunstufigen Mittel- oder höheren Mädchenschule.
  • 4) Amtliches Führungszeugnis. 5) Monatliche Zahlung von 575 Reichsmark - Mit bestandenen Examen konnten die Heilgymnastinnen sich an Krankenhäusern bewerben oder den Beruf selbständig ausüben.

 

1919 DRESDEN Sächsische Staatsanstalt für Krankengymnastik und Massage

War die erste staatliche Schule. - Die Bezeichnung Krankengymnastik wird jetzt öffentlich.

 

1926 MÜNCHEN

 

1926 BERLIN

Am Chirurgischen Universitätsklinikum in Berlin gründet Wolfgang Kohlrausch (1888-1980) eine Kranken- und gymnastikschule in einer laufenden Massageschule des Arztes Franz Kirchberg. - Die hohen Monatsgebühren von 60 Reichsmark (ca. 250€ heute - 2014) mussten die Schülerinnen selber zahlen. - Diese Schule zieht später unter Prof. Lothar Kreuz von Berlin-Eichkamp in das Oskar-Helene-Heim nach Berlin-Dahlem um. Anna-Maria Hauptmann kommt aus Freiburg als erste leitende Lehrkraft. - 1955 wird diese Schule dann zur staatlich anerkannten Krankengymnastikschule und gehört heute zu einer der ältesten in Deutschland.

 

1928 FRANKFURT a/M.

Die Heil- und Erziehungsanstalt oder damals besser bekannt als "Krüppelheim Friedrichsheim" wurde nach dem Ehemann der Stifterin, Friedrich König, benannt. - Nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1914 diente die Klinik als Reservelazarett. Im Jahre 1923 wurde die Lehranstalt für Massage und später die Krankengymnastik (1928) gegründet.

 

1929 MARBURG

 

1935 FREIBURG am BREISGAU

Zusammen mit Hede Leube gründete später W. Kohlrausch die Freiburger Kranken-gymnastikschule im Breisgau. Ein Grund für diesen Umzug war, dass er in Berlin für seine Krankengymnastikschule nicht die staatliche Anerkennung erhielt. - Die Zusammenarbeit mit H. Leube und Elisabeth Dicke (BGM - Bindegewebsmassage) führte zu einer raschen Entwicklung der Krankengymnastik und neuen Behandlungsmethoden. - 1944 wurden bei Luftangriffen weite Teile Freiburgs völlig zerstört, so auch die Krankengymnastikschule. - 1945 Auflösung der Schule durch Kohlrausch nach dem Luftangriff von 1944. - 1945 - 1970 war die Schule, nach kurzer Zwischenstation im Kneippsanatorium St. Urban, auf dem Gelände der "Neurologischen und Psychiatrischen Universitätsklinik" untergebracht, bis sie dann 1970 in das Schulgebäude in der Fehrenbachallee umzog. Seit 2000 ist die Physiotherapieschule in Freiburg ein Fachbereich der Akademie für medizinische Berufe des Universitätsklinikums Freiburg. W. Kohlrausch ist und bleibt eine mit Vorsicht zu ertastende Gestalt in der Geschichte der Krankengymnastik sowie der Sportmedizin, auch wenn dieses von manchen nicht so gesehen wird. Er war NSDAP-Mitglied seit 1937, Hauptarzt bei der Hitlerjugend und pflegte eine "stolze" Freundschaft mit Otto Bickenbach (KZ-Natzweiler, Menschenversuche), desweiteren führte er anthropometrische Untersuchungen durch und wurde Ordinarius für Bewegungstherapie an der nationalsozialistischen Reichsuniversität in Straßburg (1941- 1944). Nach einjähriger Kriegsgefangenschaft in Darmstadt wurde er als "nationalsozialistischer Mitläufer" eingestuft. Meine persönliche Meinung geht hier noch viel weiter, dafür müsste ich hier aber wirklich die Weimarer Zeit und das Dritte Reich noch präziser historisch aufrollen. Interessant und abschreckend wird es, wenn man sich die Themen anschaut, mit der sich W. Kohlrausch ob in Auftrag, oder nicht befasst hat. Bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges im September 1939 gab es im Deutschen Reich bereits acht Krankengymnastikschulen. Während dieser finsteren Zeit wurde die Ausbildung von manchen Schulen auf ein Jahr reduziert, um möglichst viele Absolventinnen mit dem Notexamen in den Lazarettdienst zu entlassen. Dieses führt u.a. zu einem Einbruch in der Qualität der Ausbildung.

 

1940 KÖLN

 

1943 HEIDELBERG

 

1944 MÜNSTER

 

 

Ab den 70ern werden immer mehr Schulen gegründet, alleine im Zeitraum von 1971 - 1998 sind es  225 Schulen in Deutschland. Momentan (2014) sind es 264 Schulen.

 

In Bearbeitung: Stand Oktober 2016

ca. 1967

Satzung für die Staatliche Schule für Masseure und medizinische Bademeister bei der Orthopädischen Klinik München unter Leitung: Professor Dr. A. N. Witt 


1905 Dr. Greger - Dr. Rohrbach - Bernd Blindow

1905  Gründete der Berliner Arzt und Sanitätsrat Dr. Ludwig Greger eine Privatschule für Heilgymnastik. Diese erwarb Dr. med. Wilhelm Rohrbach im Jahre 1922. Zunächst wurde die Ausbildungsstätte unter der Bezeichnung "Greger`s Privatschule für Heilgymnastik, Badewesen und Elektrotherapie" fortgeführt.
1924  Wurde die Lehranstalt staatlich anerkannt und von Dr. med. Wilhelm Rohrbach nunmehr unter seinem  Namen geleitet.
1967  Evamaria Junginger (Tochter Rohrbachs) übernimmt die Leitung der Schule.
1983 Wurde ein neues Unterrichtsgebäude in Kassel-Wilhelmshöhe - direkt auf dem Gelände der Orthopädischen Klinik - eingeweiht.  Die Behandlungserfolge durch die Arbeit der Masseure und medizinischen Bademeister und die Erkenntnisse aus der Therapienotwendigkeit für die Patienten brachten in demselben Jahr zunächst den Beruf des Krankengymnasten hervor.
1994 Übernahm Diplom-Chemiker Bernd Blindow die traditionsreichen Schulen Dr. Rohrbach in seine Bernd- Blindow-Schulgruppe und sicherte somit die Weiterführung der erfolgreichen, zukunftsorientierten Lehranstalt.

 

Seit Mitte der 70er Jahre hatte er zahlreiche Ausbildungsstätten für Medizinfachberufe an verschiedenen Standorten im gesamten Bundesgebiet gegründet. Heute sind die Bernd-Blindow-Schulen in Bückeburg, Bad Sooden-Allendorf, Kassel, Hannover, Friedrichshafen aber auch u.a. in Berlin und Leipzig beheimatet.


1905 ...60% wurde von der Gymnastik geklaut... Beispiel:                             " Der Gymnastikstab"


1906 Konrad Biesalski

Im Jahr 1906 richtet der Orthopäde, Schularzt und Hochschullehrer (bekannt für seine Sonderpädagogik) Konrad Alexander Theodor Biesalski (1868-1930) in einer Wohnung über seiner Praxis in Berlin-Kreuzberg die erste soziale Rehaeinrichtung von Berlin-Brandenburg mit 10 Betten für Kinder und Jugendliche mit physischer Behinderung ein.

1914 gründet Biesalski mit Hans Würtz das Berliner Oskar-Helene-Heim in Berlin-Dahlem. Es ist der Beginn der "modernen Krüppelfürsorge".

Die körperbehinderten Kinder und Jugendlichen werden nun verstärkt ärztlich und therapeutisch versorgt und in der Arbeitsgesellschaft integriert. Es ist die Gründung der modernen Behindertenfürsorge in eigens dafür erschaffenen Einrichtungen.

1938 Als ärztlicher Direktor des Oskar Helene-Heims (OHH) verlegte Prof. Kreuz die Krankengymnastik-Schule von Eichkamp an das OHH in Berlin-Dahlem. Damit ist der Grundstein der heutigen Physiotherapieschule gelegt.

1939-1945 Das OHH ist zum Teil Lazarett, im Herbst 1945 wird die Ausbildung im erheblich zerstörten OHH wieder aufgenommen. Der erste Nachkriegskurs beginnt.

 

Bild: Auf diesem Bild ist die Stellung der "Ausführenden" Krankengymnastin zu erkennen. Der Beruf wird  in dieser Zeit (ca. 1890 - 1950)  überwiegend von Frauen ausgeübt, obwohl er für Männer schon immer zugänglich war. Hinten links am Fenster steht der Arzt und gibt die Anweisungen. Die Angst vor Konkurrenz sämtlicher Ärzte führte zu gesetzlichen Regelungen, die bis heute noch als Wilhelminisches Gedankengut erhalten ist: "Heilgymnastinnen dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht (heute: Verordnung) Kranke behandeln"


ca. 1880   Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr  Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)
ca. 1880 Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)

 

 

 

 

Kleinigkeiten sind es, die Perfektion ausmachen,

aber Perfektion ist alles andere als eine Kleinigkeit.

 

Sir Frederick Henry Royce (1863-1933)


1911 Physiotherapie ≠ Ergotherapie

Magdeburg-Cracau: Pfeifferische Anstalten - Handwerkerheim für 120 Krüppellehrlinge.

Magedburg-Cracau: Pflegehaus Bethanien für gebrechliche Männer.

 

In Bearbeitung Stand Oktober 2017

 


1914 "Kriegszitternkur"


1914 - 1945 Kriegskrüppelfürsorge

HISTORISCHE FOTOS / HINWEIS: Ich versichere, dass die von mir gezeigten zeitgeschichtlichen und militärhistorischen Bilder aus der Zeit von 1900 bis 1945 nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger und verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens oder der militärhistorischen und uniformkundlichen Forschung gezeigt werden, gem. Paragraph 86 und 86a StGB.

 

Physiotherapie im Nationalismus

Text Tobias Langohr

 

     Nach meiner Recherche verliert sich die Spur einer erkennbaren „Massenkrankengymnastik" während des I. Weltkrieges (1914-1918) sowie des II. Weltkrieges (1939-1945). Das Gegenteil liest man im Internet, jedoch ohne Literaturangabe und ohne Bildmaterial.

Es gibt unzählige Notlehrbücher (diese gab es schon im 19. Jhd) für KrankenpflegerInnen und Sanitäter, in denen auch sämtliche Behandlungsansätze beschrieben sind, die wir heute als physiotherapeutische Techniken verkaufen unter anderem die Atemtherapie, Massage und Mobilisationtechniken.

In diesen katastrophalen Jahren waren Turn- und Gymnastiklehrerinnen, Masseure, Heilgymnasten und kurzausgebildete Helfer unter der Bezeichnung Krankengymnasten unterwegs. Die "Ausbildungen" waren inhaltlich und zeitlich von Schule zur Schule sehr unterschiedlich. Dieses führte später, im Jahre 1948 zur Gründung der 48er Gruppe (Siehe Kapitel Christa Dültgen).

Das Leben in den überfüllten Lazaretten war unvorstellbar schwer und die Rücksendung der Soldaten Richtung Heimat oder Front öfters schnell und unvorhersehbar. Einer der wichtigsten Punkte der sozialen Kriegskrüppelversorgung von 1916, nach dem Biesalskirschen Programm lautete:

 

 " Der beste Weg dazu ist der, daß die Kriegskrüppel in orthopädischen Lazaretten gesammelt werden, in denen alle zur Erreichung der höchstmöglichen Erwerbsfähigkeit notwendigen Hilfsmittel vorhanden sind: blutige und unblutige orthopädische Nachbehandlung, Medikomechanik, Apparatebau, Handwerksstuben mit Lehrpersonal. Die geeignetsten Anstalten hierfür sind die deutschen Krüppelheime. An jedem solchen Lazarett hängt eine soziale Komission, welche die Ausmittlung einer Arbeitsstelle besorgt."

 

Einen Zeitzeugen des II. Weltkriegs konnte ich befragen, dieser wurde als 17. jähriger Soldat (Division "Das Reich") bei der Schlacht von Charkow (1943) nach einer schweren Kopfschussverletzung über zwei Lazarette (Meran im Südtirol, Kloster Knechtsteden-Neuss), nach einem Zeitraum von 12 Monaten über die Oberkasslerbrücke nach Düsseldorf zurückgebracht. Er kann sich heute im Jahre 2016 nicht an Krankengymnastik erinnern, weder vor dem Krieg, noch während dessen, noch danach. Sein eingegipster Kopf wurde von Krankenschwestern täglich in alle Richtungen durchbewegt und Nackenmassage wurde ebenso von den "Schwestern" durchgeführt. Diese Aussage hat mich doch leicht irritiert aber versteht sich im späteren Verlauf des Textes.

     Am 16.01.2016 erwarb ich ein doch sehr interessanter Bildernachlass. Diesen „Missing-Link“ habe ich nun aufspüren können. Es handelt sich hier um Schwarz-Weiß-Negative, diese konnte ich leider nur zum Teil vor der „Komplettausschlachtung“ retten, die anderen Bilder befinden sich irgendwo anders. Der Preis (Wert) war sehr hoch, nichts desto Trotz habe ich mich in der Pflicht gesehen, diese Bilder zu retten. Auf diesen meiner Meinung nach „Propagandafotos“ ist zu sehen, dass die Krankenschwestern des Roten Kreuzes Maßnahmen durchführen, die wir vor dem Krieg und danach als „Krankengymnastik, Phototherapie, Atemtherapie“ bezeichneten. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich bezweifelt, dass es überhaupt aktive Krankengymnasten im dritten Reich gab, die eigene Praxen führten oder in Krankenhäusern unterwegs waren und hoffte auf öffentliche Hilfe, dieses zu klären.

     Zu den erkauften Bildern:

1) Auf einem der Negative ist ein Schiff im Hintergrund zu sehen, - ich habe Bilder von Lazarettschiffen angeschaut-, es ist definitiv Die Wilhelm Gustloff , ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF).

2) Der Zeitraum der Entstehung dieser Negative kann nun datiert werden auf 1937 – 1945, eher begrenzt auf 1939 – 1940, als dieses Schiff der Kriegsmarine als Lazarettschiff übergeben wurde, außerdem ist die Krankenschwester auf diesem Foto in Begleitung eines Wehrmachtssoldaten

3) Die Dias müssen Teil eines Propagandamaterials sein, um mehr Krankenschwester für das „System“ zu bekommen. Die Dias sind rechts unten mit einer kleinen Nr. versehen, was untypisch für das “Kodak“-format der damaligen Zeit ist. Die gleiche Krankenschwester taucht allwissend bei fast allen Maßnahmen auf, was in einer 1-jährigen Notausbildung zu lernen nicht möglich ist/war.

Eine zweite Zeitzeugin, die inzwischen 96 Jahre alt ist (2016) und für das Rote Kreuz als Kinderkrankenschwester in Deutschland, Italien, USA und zuletzt wieder in Deutschland gearbeitet hat, hatte auch keine Erinnerung an Krankengymnastik. Die Krankengymnastik passt auch nicht ins Wunschbild der im Jahre 1934 gegründeten „ Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“. Spätes Ergebnis der Bemühungen um eine Neue Deutsche Heilkunde war das Heilpraktikergesetz von 1939, das zwar den Heilpraktikerstand zum ersten Mal anerkannte, die Ausübung der Heilkunde aber von einer staatlichen Zulassung abhängig machte.

Die allgemeinen Krankenhäuser in diesen Zeiträumen waren überfüllt und die ärztliche sowie Pflegeversorgung wichtiger. Hier würde ich mich sehr dafür interessieren, was in den Krankenhäusern und Lehranstalten in Dresden, München, Frankfurt a.M., Marburg und Freiburg in Bezug auf Krankengymnastik in diesem Zeitraum passiert ist. Über Freiburg ist bekannt, dass die nationalsozialistische Herrschaft (NS) an der Sportmedizin und auch der Krankengymnastik kaum Interesse zeigte.

Was den II. Weltkrieg angeht, ist das Euthanasieprogramm (Aktion T4 und Aktion 14f13), durch das ca. 275.000 Menschen mit Behinderungen ums Leben gekommen sind, und die Diaspora von vielen spezialisten der Krankengymnastik (Karel und Bertha Bobath zum Beispiel) ausschlaggebend für das Schwinden der Krankengymnastik. Auch hier muss Nachforschung stattfinden. 

Ich habe für diese Epochen keine Bilder finden können, die Krankengymnastik durch Krankengymnasten darstellen würden. Des Weiteren sind es jetzt 11 Menschen, die ich bis 2016 befragt habe, die über 90 Jahre alt (1915) sind, ob sie jemals während des zweiten Weltkrieges etwas über Krankengymnastik gehört, erlebt, gelesen oder gesehen haben, keiner hat es. Ich wiederhole: während der Kriege.

Nachdem ich mich im Jahre 2018 mit der Biografie von Christa Dültgen, Nomi…, Frieda Brüggemann auseinandergesetzt habe, muss ich mich korrigieren und mein Denkirrtum zurrechtrücken. Es gab doch eine Krankengymnastik während den Kriegen. Ich habe übersehen das die meisten Heilgymnastinnen meisten s noch eine Zusatz Ausbildung hatten zum Beispiel in der Pflege, Säuglingspflege, Sanitäter waren, und als „Rotes Kreuz“ Mitarbeiter praktisch alles umgesetzt haben was dem Patienten auch zugutekam.

Was ich gefunden habe, sind Dokumente die Beweisen das es den Beruf "Krankengymnast" existierte (Siehe Text über Christa Dültgen 1948). Missing-Link gefunden am 12.06.2017 Vollständige Berufsunterlagen einer Heilgymnastin (Archiv).

 

 

Tipps zur Nachforschung:

  1. Sonstiges: Kriegszittern, "Shell Shock", Kriegsneurotiker, Kriegsneurosen, Straferxerzitien, Elektroschocks, Kaufmann-Kur, 
  2. Sonstiges: Prothesenfabriken: Sauerbruch-Arme, Knick-Prothesen, Glasaugen
  3. Hinweis: aus Heidelberg Nov 2016: Fotomaterial gefunden - In Analyse

  4. Hinweis: aus Berlin Juli 2016: Beweisdokument Beruf des Krankengymnast und Heilgymnast im Dritten Reich

  5. Hinweis: Harald Dohrn Heilgymnast und Widerstand

  6. Vermutung: Dez 2016: Direkte Beteiligung an Menschenversuche - Zusammenhänge deutig

  7. Hinweis: aus Prag Dez 2016: Material gesichtet KZ-Theresienstadt


1915 Kafka und sein Abo-Fitnesstraining ...

Text: Tobias Langohr, 2016

Bilder: ca. 1915 16 Fotos auf Karton Privatsammlung (Langohr)    Herkunftsland: Polen

Eine im Jahre 2011 herausgegebene neue Biografie durch den Fischer Verlag mit dem Titel „Ist das Kafka?“ vom Autor Rainer Stach interessierte mich als „Bewegungstherapeuten“ sehr.

Der renommierte Kafka-Forscher und Buchautor Rainer Stach konnte durch 99 neu entdeckte Fundstücke viel Neues über diesen deutschsprachigen Schriftsteller entdecken.

Der in Prag geborene Kafka (1883-1924) war von den Vorstellungen der Naturheilkunde der damaligen Zeit sehr geprägt und überzeugt, er lehnte die Schulmedizin teilweise kategorisch ab, was man unter anderem auch an seiner strikten Ablehnung gegenüber den damaligen staatlich verordneten Impfungen sieht sowie seine schriftlichen Kommentare gegenüber der schulmedizinischen Ärzte.

Er legte sehr viel Wert, wie auch andere in dieser Epoche,  auf gesunde Ernährung, viel Bewegung im Freien, Luft- und Sonnenbäder. Kafka ist so gesagt das Gegenteil was der Sportlehrer H.F. Borchert über die deutsche plaudert, diese seien für ihn die faulsten Sportlern in ganz Europa und empfiehlt das "Müller-system" und die "vorzügliche Schwedische Gymnastik“.

Selbst bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Tuberkulose, von der er selbst betroffen war, hielt er eine „natürliche“ Lebensweise, menschliche Zuwendung und eine stressfreie Umgebung für mindestens ebenso wirksam wie die seiner Ansicht nach niemals an die Wurzel der Krankheit reichenden schulmedizinischen Therapien. Nach heutigen Maßstäben vertrat er demnach ein „ganzheitliches“, strickt psychosomatisches Modell der Krankheit.

Von 1910 bis 1917 begann Kafka mit täglichen Turn- und Atemübungen nach der Methode des dänischen Sportlers und Gymnastiklehrers Jørgen Peter Müller (1866-1938).

Das Werk vom J.P. Müller: „Mein System – 15 Minuten täglicher Arbeit für die Gesundheit“ (1904), wurde in nahezu 24 Sprachen übersetzt und erreichte während Kafkas Lebenszeit eine immense Auflage bis 400.000 Exemplare.

J.P. Müller war ein entschiedener Gegner des zu seiner Zeit ebenfalls aufkommenden Bodybuildings und Hanteltrainings, wie es vor allem von Eugen Sandow (1867-1925) und Lionel Strongfort, alias Max Unger (1878-1970) durch Bücher und Fernlehrbriefe (Siehe Bilder) propagiert wurde. Müllers System zielte demgegenüber weniger auf Muskelkraft und Muskelbildung ab, als vielmehr auf eine allgemeine Fitness und Beweglichkeit.

Es war, in jeweils angepasster Form, für alle Altersstufen gedacht. Alle Körperorgane, auch die Haut, sollten durch die Übungen, für die er jeweils verschiedene Anforderungsgrade vorsah, gestärkt und durchblutet werden. Die Techniken kommen teilweise aus dem „Elteh –System“.

J.P. Müller war stolz darauf, dass auch Ärzte sein „System“ empfahlen und die italienische Übersetzung durch Mediziner erarbeitet wurde. Dazu passt, dass er sehr viel Wert auf körperliche Hygiene legte, die er beginnend mit seinem Werk „Hygienische Winke“ (1907) ebenfalls populär machte.

Daneben war Müller auch einer der ersten modernen Sportjournalisten. Dass er seine Beiträge oftmals mit dem Pseudonym „Apoxyomenos“ zeichnete, in seinen Publikationen den eigenen Körper gern in den Vordergrund rückte und auf seine Auszeichnungen als „schönster Mensch“ hinwies, gab zu mancherlei spöttischen Bemerkungen Anlass.

Obwohl manche der von Müller ersonnenen Übungen heute veraltet sind, kann er doch als einer der Begründer der modernen Fitness-Bewegung angesehen werden.

Kafka hielt am allabendlichen »Müllern« jahrelang fest und befolgte das Programm mit größter Disziplin. Auch versuchte er, Verwandte und Freunde zu bekehren. Bei seiner jüngsten Schwester Ottla gelang ihm dies offensichtlich, bei seiner Verlobten Felice Bauer hingegen nicht: Ihr war das einsame Turnen nach Plan schlicht zu langweilig. Obwohl bei Kafka im September 1917 Lungentuberkulose diagnostiziert wurde, führte er nachweislich bis Ende dieses Jahres, wahrscheinlich aber noch wesentlich länger die Müllerschen Übungen fort.

 

Die Biographie von Rainer Stach kann ich sehr empfehlen, um diese Zeit verstehen zu können. Die Werke von Kafka, J.P. Müller und Lionel Strongfort sind hoch interessant zu lesen.


Krafttraining und Gesundheit


27.09.1935 Badisches Gesetz- und Verordnungs- Blatt

Die staatliche Prüfung von Krankengymnastinnen

 



1933 Physiotherapeuten im Dritten Reich

 

Es ist ein Grauen! Es ist zermürbend und es ist eine menschliche Katastrophe was sich im Dritten Reich in Deutschland abgespielt hat. 

Physiotherapeuten haben als Mitläufer aktiv Mitgewirkt, sie handelten auch Heldenhaft in dem sie bei Evakuierungen teilgenommen haben. Andere wurden erschossen, weil sie angeblich im Widerstand waren und andere waren Opfer und mussten die Qualen in Konzentrationslager erleiden. 

Ich möchte und werde hier keinen Namen zitieren aber möchte über dieses Kapitel der Physiotherapie aufmerksam machen. Die Medizin sowie Pflege haben dieses schon getan.

 

Diesem unmenschlichen Kapitel muss historisch ein Denkmal gesetzt werden.

...

 

TEXT ABGESCHLOSSEN 


1936 Das Klapp´ sche Kriechen

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RUDOLF KLAPP

 „Wenn’s klappt klappt’s, wenn’s nicht klappt, klappt’s zusammen“

 

Text Tobias Langohr 2017

 

Wenn ich heute (2017) bei Schülern, Studierenden sowie jüngeren Physiotherapeuten die Technik „Klapp´sches Kriechverfahren„ erwähne, kann sich keiner etwas darunter vorstellen. Therapeuten, die älter als ich sind, kennen sich mit dieser Technik noch relativ gut aus, da dieses Kriechen noch als Unterrichtsfach bis ca. 1990 (z.B. Essen/Ruhr) unterrichtet wurde. Die meisten Krankengymnasten und Sportlehrer jedoch verdrehen eher die Augen, wenn ich diese Technik nur erwähne. Warum eigentlich?

Der Hauptgrund meiner Recherche ist, das Klapp´sche Kriechverfahren zu verstehen. Was und wer steckt dahinter, ist es ausbaufähig? Wurde diese Technik zu früh in der Asservatenkammer der Physiotherapie abgestellt? In Marburg an der Rudolf-Klapp-Schule wurde die Kriechkur von Schülern 1986 feierlich beerdigt! Was für ein Knieschuss!

Über Rudolf Klapp und seine „Kriechkur“ muss man nicht viel Neues schreiben. Eine tolle und ausführliche Biografie, geschrieben im Jahre 2007 von Evelyne Blau[1], sowie das Werk von Annette Stratmann[2] sind hier zu empfehlen. Alle seine wissenschaftlichen Werke sind im Internet lesbar und erhältlich. Eine „Wiederbelebung“ wurde durch das Werk „Klapp´sches Kriechen heute – es klappt“[3] von Susanne Hirsch im Jahre 2007 gestartet. Leider ist diese Auflage in Papierformat so klein gewesen, dass dieses für Physiotherapeuten unbezahlbar wird,  das Werk liegt als Buch inzwischen bei 190€ bis 200€.

Rudolf Klapp wird am 16.02.1873 in Arolsen/Waldeck (Hessen) als jüngster von insgesamt 12 Kindern geboren. Sein Vater Bernhard Klapp (1819 – 1881) war Steuerrat und seine Mutter, Bertha Scipio, wie es sich damals gehörte, eine sehr tüchtige Hausfrau, die sich um die Kinder, auch nach dem frühen Ableben ihres Mannes, nachweisbar sehr gut sorgte.

Rudolf Klapp war musikalisch sehr gebildet und begeisterter Fan von damaligen doch sehr strammen militärischen Auftritten, was sich später in seinem Organisationstalent und seiner interdisziplinären strukturierten Arbeitsvorgehensweise wiederfindet.

Im Klapp´schen Kriechverfahren spiegelt sich genau dieses sehr stark wieder, die praktische Ausführung in Gruppen sowie die Anleitung erinnern eher an einen Aufmarsch, als an eine lustigen Wandergesellschaft. Zu bemerken ist hier, dass sich in allen orthopädischen Gymnastikformen, wie zum Beispiel an den Massenturnveranstaltungen aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, dieser Drill wiederfindet. In der damaligen Zeit wurde dies eher als normal empfunden wurde.  Heute würde der Hälfte, der in Deutschland lebenden Menschen diese Disziplin nicht wirklich schaden. Therapeuten berichten noch heute über den harschen und bestimmenden Ton in der Lehre dieses Verfahrens.

Das Kriechverfahren wurde ursprünglich hauptsächlich an Schulen durchgeführt, sozusagen im „Turnunterricht“ von Turnlehrerinnen, die mindestens ein halbes Jahr harte „Fortbildung“ im „Klapp´schen Kriechen“ absolviert hatten[4].  Und die Anwendung zu „Heilzwecken“ an Patienten nur unter  fachärztlicher Beaufsichtigung anwenden durften. Während der Recherche zu diesem Thema  wurde mir aber erst der Stellenwert des „Klapp´sche Kriechens“ im Sport(-Unterricht) bekannt.

1889 starb Rudolfs Bruder Bernhard Klapp mit nur 26 Jahren an Tuberkulose. Bernhard litt als Kind unter einer starken Rückenerkrankung, welche? Ist nicht bekannt. Die Erfahrung mit diesem Schicksal führte wahrscheinlich auch dazu, dass Rudolf Klapp nicht den Weg eines Juristen, wie der Vater, einschlug, sondern Arzt wurde. Er widmete sich sein Leben lang dem Rücken, und schaffte mit seiner „Kriechkur“ ein persönliches Andenken an seinen Bruder geschafft haben.

Als Wandervogel, wie man es aus dem 19sten Jahrhundert kennt, baute Rudolf Klapp seine medizinische Bildung auf. Ich vermute, dass es auch sehr starke persönlich-soziale Gründe waren, die ihn dazu ermutigten, so oft umzuziehen. Es waren immer die gleichen Menschen um ihn und mit ihm unterwegs. Das „Klapp´sche Kriechverfahren“ ist ein gruppendynamisches Turnen, und die Gruppen sollten meistens zusammenbleiben, das Turnen als Gruppe erstreckte sich über drei Monate.

1895 legt Rudolf Klapp  in Würzburg sein Physikum in der Medizin ab. Es zog ihn nach München, um dort nur ein Semester Medizin zu absolvieren, daraufhin ging er 1898  nach Kiel, wo er sein Staatsexamen ablegte.

 

GREIFSWÄLDER STATION  (1.4.1899 – 1905)

Rudolf Klapp habilitierte an der Universität Greifswald beim renommierten August Bier (1861-1949)[5], den er schon vorher aus Kiel kannte. August Bier, wurde zu einem der größten deutschen Ärzte, und auch für die heutige Physiotherapie spielt er eine große historische Rolle.

Bier wurde bekannt durch seine medizinische ganzheitliche Betrachtung, aber auch durch seine philosophischen Gedanken über die Seele. Bier wurde später 1929 in Berlin durch Prof. Ferdinand Sauerbruch mit dessen modernen medizinischen Ansichten abgelöst, zwei unterschiedlichere Mediziner gab es zu diesem Zeitraum wirklich nicht! Beide, Bier wie Sauerbruch, verstanden sich sehr gut und es galt unter den Studenten folgender Satz: „Wenn du etwas lernen willst, geh´ zu Bier. Wenn du etwas erleben willst, geh´ zu Sauerbruch!“. Rudolf Klapp hielt eher zu August Bier. Bier, wie schon erwähnt,  spielt auch eine sehr große Rolle in der Entwicklung der Physiotherapie, ist jedoch Hauptperson in einem anderen Artikel über die Thermotherapie.

 

BONNER STATION (ab 1905)

Rudolf Klapp zog mit seinem Lehrer Bier nach Bonn. Hier wurde er  Außerordentlicher Honorarprofessor an der Universität. Er wandte sich dort noch viel mehr der Orthopädie zu, da hier viele Patienten mit Rückratsveränderungen und Haltungsschwächen behandelt werden mussten. Dieses lässt sich leicht beweisen durch die Unmengen an Schriften von Klapp, die in Bezug zur Rückenverkrümmung standen und zu deren Behandlungsformen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Zweibeiner (Vögel und Menschen) häufiger Wirbelsäulenschäden aufwiesen, als Vierbeiner, begann Rudolf Klapp ein Therapieverfahren zu entwickeln, dass dann später als „Klapp´sches Kriechverfahren“ bezeichnet wurde. Er beobachtete sehr gerne und präzise die Natur.  Jeder, der sich mit Tieren umgibt, kann sehr gut nachvollziehen, was Klapp an seinen Hunden auffiel. Die Streckmuster der Hunde führen zu einer (Rotations)Mobilisation der BWS (Hunde), Aufdehnung der Brustmuskulatur. Wenn man sich dann Yogaübungen anschaut, wird man diese Streckmuster in andere Epochen vorfinden.

Was Rudolf Klapp mit Sicherheit zum Abkehren von der Schwedischen Heilgymnastik und der maschinellen Gymnastik bewog, war der Fakt, dass Tiere weitere und größere Bewegungen durchführten. Also, der große Bewegungsradius führt zur Mobilisation und Erholung. Eine ähnliche damalige starke Gegenbewegung war der Ausdruckstanz. Vom Denkansatz ist Klapp eher  Dr. Schreber (1808-) zugeneigt.

Was die Klapp´s „Tierbeobachtung“ anbetrifft, wurde historisch immer mehr Vierbeiner und Zweibeiner dazu gedichtet: Von Hühner und schleichende Katzen bis laufende Eidechsen. Rudolf Klapp war nicht der erste, der das Kriechen als Mittel zur Therapie erfunden hat, sondern es gab viele Vorgänger, unter anderen Moscati, Fischer, Nieny, Delpeche und der schweizer  Spitzy.

Rudolf Klapp gehört zu den Ärzten, die sich am meisten und sehr früh mit der Behandlung von Wirbelsäulendeformitäten durch Gymnastik/Bewegung beschäftigten. Weg von Korsetts und Stützapparaten hin zur Bewegung. Er ist wenn, ich es so betrachte, der Vater der aktiven Rückenmobilisation, auch wenn diese zu Beginn erstmal aus dem Vierfüßlerstand passierte. Durch diese enorme Anstrengung entwickelten sich später die anderen Behandlungsformen, wie die Schroth-Therapie, PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation), FBL (Funktionelle Bewegungslehre) und heute das Therapeutische Klettern sowie der  Fitnesstrend aus den USA „Crawling“, wobei man hier mit „Drumming, High Screwdriver oder Simple Crawl“ motiviert wird, ein sechswöchiges Programm durchzuführen, in dem man mindestens einmal am Tag eine halbe Stunde durch die Wohnung krabbeln sollte.[6]

Es ist klar, dass Neid und Getratsche damals wie heute auch nicht schnell auf sich warten ließen. So haben Zeitgenossen für viel Gegenwind gesorgt. Das „Klapp´sche Kriechverfahren“ sei weder in der Methodik noch wissenschaftlich genug untersucht worden, hieß es auf Kongressen und in Bucheinleitungen[7]. Um das Jahre 1910 kretisierten unter anderen August Blencke, Nieny, Chlumsky, Vulpius, Axel Tagesson-Möller[8], Wilhelm Schulthess[9], der Orthopäde Georg Müller und Katharina Schroth an Rudolfs Klapp Techniken herum, nur um ihre eigenen Konzepte und Geräte an den Mann zu bringen. Es entstand regelrecht ein wirtschaftlich ausgerichteter Run zur Findung der idealen Gymnastik für Rückratsverkrümmungen. Alle wollten was verkaufen.

Rückenwind und Lob bekam Rudolf Klapp unter anderem von Ferdinand August Schmidt[10], Hoffa, Lovett, Hans Spitzy (1872-1956) und vom Vater der deutschen Physiotherapie Dr. J. H. Lubinus.  Johann Lubinus belies es nicht nur bei einer Empfehlung, sondern beschrieb und illustrierte durch Fotos in der nach meiner Meinung deutschen Bibel für Physiotherapie „Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik“[11] sämtliche Kriechübungen, die nach seiner Ansicht als geeignete Mobilisierung der „skolistischen Wirbelsäule“ dienten. Lubinus erwähnte hier auch für seine Zeit sehr früh, dass die Kombination aller therapeutischen und gymnastischen Möglichkeiten am besten für den Patienten sei, also der „Suppentopfbehandlungskatalog“.

1921 erschien ein Werk von Med. Rat. Prof Müller von der Preußischen Hochschule für Leibesübungen. In diesem doch sehr wissenschaftlich ausgerichteten „Oeuvre“ mit dem schönen Titel: Untersuchungen über den Einfluss der schwedischen Spannbeuge und der klappschen Tiefkriechstellung auf die Wirbelsäule[12] wurde das Kriechverfahren unter die Lupe genommen.

Erst 1937[13] kamen auch andere „Profis“ auf die Idee, Techniken wie z.B. die mechanische Gymnastik, die Orthopädische Heilgymnastik und das Klapp´sche Kriechverfahren zu kombinieren.

Im Grunde genommen kann man fast alle Ärzte aus dieser Epoche in einen Topf werfen, irgendwo sind immer persönliche, familiäre, akademische Verbindungen vorhanden, der Austausch ist enorm vergleichbar mit der heutigen Zeit.

 

BERLINER STATION (ab 1907)

Rudolf Klapp wurde außerordentlicher Professor und Leiter der Chirurgischen Universitätspoliklinik an der Universität Berlin. Hier gewann und entwickelte er viel praktische Erfahrungen mit seiner neuen „Kriechmethode“ an seiner Schule für Krankengymnastinnen.  Ab 1907 leitete der Assistent von Rudolf Klapp, Dr. Johannes Fränkel (15.9.1879 - 1925) die Krankengymnastikschule in Berlin, später Wiebe, Normann und ab 1914 Gertrud Schulz.

Dr. Johannes Fränkel spielte eine sehr wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Auslegung des Klapp´schen Kriechverfahrens. Wie vorher erwähnt, gab es viel Kritik in der damaligen Zeit, eine darunter war, dass Rudolf Klapp wenig wissenschaftlich arbeiten würde und keine gründlichen Ergebnisse vorweisen könne. Dr. Johannes Fränkel hat dieses verstärkt nachgeholt, daraus entstanden fotografische und röntgologische Aufnahmen die nicht aufzufinden sind.

Bereits 1910 begann Rudolf Klapp, das nach ihm genannte „Kriechverfahren“ zur Behandlung von Skoliosen und Haltungsschäden präziser zu entwickeln. Man muss verstehen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Anzahl der an Tuberkulose (Wirbeltuberkulose) erkrankten Menschen enorm war.  Durch diese Behandlungsform (frei von Apparaten) konnte vielen geholfen werden. Später,  ca. 1920, kamen noch die vielen an Poliomyelitis Erkrankten dazu. Die Vereinigten Staaten von Amerika importierten ziemlich alle, Behandlungsmöglichkeiten und „Profis“ aus Europa. So wurden die Amerikaner auf das Klapp´sche Kriechverfahren und die Schrot-Therapie aufmerksam. Diese Techniken waren auch Grundlagen für das PNF.

Ab dem 1. Januar 1914 übernahm Marianne Arnold das orthopädische Turnen an der Chirurgischen Universitäts-Klinik und Poliklinik Berlin. Später übernimmt sie auch die Ausbildung zukünftiger Orthopädischen Turnlehrerinnen unter anderem Fräulein Troost und Brüggemann[14].

1919 gründete R. Klapp die „Schule für Heilgymnastik“ in Berlin. 1925 starb unerwartet sein ehemaliger Schüler und vertrauter Assistent Dr. Johannes Fränkel. In einem noch heute erhaltenen Nachruf brachte Rudolf Klapp diesen immensen Verlust zum Ausdruck. Die Abteilung wurde zunächst von Dr. Lüttkens übernommen und dann von Dr. Heinz Beck weitergeführt. In dieser Zeit wurden private „Kriechkurse“ in Berlin unter ärztlicher Aufsicht für „Rumpfschwächlinge“ und „Skoliotiker“ durch Heilgymnastinnen ausgeführt.

1926 begann mit der Gründung des ersten Heimes eine sehr praktische und nach meiner Ansicht kreative Schaffensphase von Rudolf Klapp und seinen engsten Mitarbeitern.  Dieses  erste Heim befand sich Potsdam, es war schon nach einem Jahr finanziell ruiniert und musste schließen. Dieses Heim sorge für viel Aufsehen und Kritik. Einer der Gründe waren, dass sämtliche Heimbewohner im Sommer, meist Jugendliche und Kinder, auf allen Vieren zur nächsten Badeanstalt krabben mussten. Genaueres über dieses Heim konnte ich leider bis dato nichts finden. (St. Joseph Krankenhaus – Alexianer?)

Bald danach wurde 1927 auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts in Berlin Spandau das zweite Heim, „Haus Birkenhof“ (Skoliosenheim Birkenhof) heute Ernst-Barlach-Haus gegründet. Unter Erstleitung der orthopädischen Turnlehrerin Dorothea Mathilde Troost (23.07.1903 – 2007) und später Frau Frieda Brüggemann  (1901-?)  bestand dieses Heim bis Kriegsende 1945.

Im Johannesstift Archiv sind noch sehr viele Dokumente erhalten geblieben. Unter anderem Abschriften von Zeugnissen, vollständige Jahresberichte und viele andere Dokumente, die es ermöglichen, diesen Zeitraum für die Geschichte der Physiotherapie zu verstehen. Der Zeitrahmen der Dokumentation für dieser Recherche erstreckt sich von der Gründung 1927 bis zur Evakuierung im Jahre 1945 und ist vollständig erhalten.

Der rege private Briefverkehr zwischen Fräulein Brüggemann und dem Johannesstift mit vielen persönlichen Einsichten und Details zeugen von einer sehr vertraulichen Zusammenarbeit und sind gleichzeitig  Beweismittel einer absolut grandiosen Heilgymnastin dieser Zeit.

Ich persönlich habe bis dato keinen so vollständigen „Physio-Nachlass“ aus dieser Zeit (1933-1945) einsehen können. Es wird noch faszinierend, wenn man sich parallel die Biografien von Christa Dültgen oder Simha Naor anschaut. Hiermit wird  die Heilgymnastik/Krankengymnastik während der NS-Zeit bestätigt und beglaubigt in allen Handlungsbereichen und Ansichten sowie persönlichen Einstellungen.

Die erste Leiterin dieses Heimes war eine gewisse Fräulein Troost. Über Dorothea Mathilde Troost habe ich vieles herausfinden können. Sie ist in Charlottenburg geboren. Von klein auf eine sehr fleißige und eine sehr wissbegierige Frau. Sie war sich für nichts zu schade, so hat sie vom 6.4.1921-31.3.1922 auf Gut Godderstorf als Haushilfe und in der Geflügelzucht gearbeitet und wurde später im Jahre 1922-1923 zur Säuglings- und Kleinkinderpflegerinn (Ausbildungsort: Bremen) ausgebildet. Im März 1926 bestand sie die Prüfung zur Krankenpflegerin (Ausbildungsort: Offenbach am Main)[15] und bestand dann das Examen zur Orthopädischen Turnlehrerin  (Ausbildungszeit: Oktober 1926 bis März 1927) an der Chirurgischen Universitätsklinik und – Poliklinik Berlin mit der Gesamtnote „sehr gut“. Das Zeugnis wurde von Klapp, Dr. Beck und M. Arnold unterzeichnet.

Aus dem Arbeitszeugnis vom 15. Oktober 1929 kann man entnehmen, dass diese orthopädische Turnlehrerin vom 1.6.1927 bis zum 1.10.1929 tätig war. Ich möchte hier zwei Sätze aus diesem wichtigen Schriftstück zitieren:

1.  Sie kam zu uns, als dieses Heim als erstes seiner Art auf der Grundlage der Klappschen Methode eingerichtet wurde und hat durch ihr reges Interesse an der Behandlung wesentlich zum Ausbau der Arbeit beigetragen. Sie arbeitete sehr gut mit dem leitenden Arzt zusammen und erledigte auch alle mit der Heilbehandlung zusammenhängenden schriftlichen Arbeiten.[16]

2. Ihre besonderen Fähigkeiten lagen ausgesprochen auf dem Gebiet der Heilbehandlung. Sie war eine ausgezeichnete Turnlehrerin, die in der speziellen Durchführung der Einzelbehandlung, auf die es bei uns vor allem ankommt, sehr gutes geleistet hat, und das Interesse der Kinder für intensives Mitarbeiten sehr angeregte und förderte.[17]

Dora Troost verließ das Johannesstift, um sich an einer Wohlfartsschule als Fürsorgerin (1931) ausbilden zu lassen. Ihre letzte Wohnstätte war das Wohnstift Augustinum in Überlingen, wo sie 2007 im Alter von 104 Jahren gestorben ist. 

Es folgte Frieda Brüggemann als Leiterin im Haus Birkenhof. Über diese Heilgymnastin ist dank des Archivs des Johannesstiftes sehr viel erhalten geblieben.

 „Tante Fiet“, von den Kindern liebevoll so benannt, oder Frau Brüggemann  wurde am 13.8.1901 in Rastede geboren. Vom 1.9.1927 bis zum 31.8.1928 wurde sie zur Heilgymnastinn und Masseurin in der Gymnastischen Abteilung der Chirurg. Univ. Klinik Berlin ausgebildet. Im Wintersemester 1928/29 absolvierte sie, wie auch Dora Troost, an der Chirurgischen Universitäts Klinik und Poliklinik Berlin den orthopädischen Kursus für Turnlehrer. „Die Ausbildung erstreckte sich auf die theoretische und praktische Erlernung der gymnastischen Methode zur Verhütung und Bekämpfung von Rumpfschwächen und Rückratsverkrümmungen, auf die Belehrung über die Ursache von Krüppelleiden ihre Erkennung und Behandlungsaussichten und über die Bestimmungen des Krüppelfürsorgegesetzes.“[18] Das Zeugnis dieser Ausbildung wurde von Dr. Klapp, Dr. Beck und Marianne Arnold unterzeichnet.

Sie war seit 1.6.1930[19] angestellte Heimleiterin und Krankengymnastin im orthopädischen Behandlungsheim Birkenhof.

Das Evangelische Johannesstift zählt zu den ältesten diakonischen Einrichtungen in Berlin. Die Stiftung wurde 1858 gegründet mit dem Auftrag, dass Arme, Kranke, Gefangene und Kinder Hilfe bekommen. Hauptsitz der Stiftung ist seit 1910 das 75 Hektar große Gemeinwesen in Berlin-Spandau. Darauf befinden sich 60 Gebäude und leben heute ca. 1600 Bewohnerinnen und Bewohner mit und ohne Hilfebedarf[20].  Das Haus Birkenhof, eines der ersten auf dem Johannesstift, gehört zu einem sehr schönen Wohn- und Arbeitskomplex für Menschen mit Behinderung, die mehr oder weniger Hilfe brauchen. Es stand Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Liste der „Orthopädischen Erholungsheime“ der Stadt Berlin.

Ins Haus Birkenhof wurden gezielt Kinder mit orthopädischen oder neurologischen Erkrankungen für Behandlungen geschickt. Dr. Rudolf Klapp und Dr. Beck waren für die fachärztliche Aufsicht zuständig und schlossen einen Vertrag mit dem Johannesstift ab. Dieser Vertrag ist noch erhalten, leider ohne Datum (ca. 1926). Darin wird auch der Zweck schriftlich niedergelegt: „Der Zweck des Skoliosenheimes ist die stationäre Behandlung von Rumpfschwächen und Rückratverkrümmungen nach dem Klapp´schen Verfahren. Dieser Zweck darf nie aus den Augen gelassen werden.[21]

Dieses Haus war für  ca. 40-50 Kinder ausgerichtet, davon waren um die 8 - 10 „Privatpatienten“[22]. Finanziell war es nicht wirklich ein großartiges Geschäft, jedoch hielt das Johannesstift an Klapp und seiner Behandlungsform fest, wahrscheinlich aufgrund der Effektivität dieser Behandlungsform. Das Klapp´sche Kriechen wurde sogar in der damaligen Broschüre des Stiftes propagiert.

Wenn man sich die Umgebung und das Gebäude persönlich anschaut und dazu die Bilder von damals sieht, kann man fühlen, dass das Klappsche Kriechen hier wirklich stattgefunden hat. Die Kinder, wie auf einem Bild ersichtlich, sind Treppen im Kriechen rauf und runter gekrochen, in der „Turnhalle“ wurden Kriechübungen im Kreis und in Reihen durchgeführt.

            Im Bericht vom 1.4.1941 - 31.3.1942 kann man folgendes herauslesen: „Die ambulanten Turnstunden sind nach wie vor gut besucht.“ Zu diesem Zeitraum befanden sich im Haus Birkenhof 25 bis 32 „Pfleglinge“.[23]

Der Krieg hat auch hier zu Sparmaßnahmen geführt, so ist nachzulesen, dass Wachs für den Turnsaal fehlte, dessen Instandhaltung von „ungeheuer Wichtigkeit“ sei,  und dadurch die Durchführung auf einen gepflegten und glatten Boden des Kriechverfahren in Frage gestellt würde[24].

Aus dem Bericht vom 1.4.1942 - 31.3.1943 ist zu entnehmen, dass das Johannesstift von den Fliegerangriffen auf Berlin verschohnt geblieben ist. Aus diesem detaillierten Bericht kann man auch folgendes entnehmen: „ Besonderes freuten sich unsere Kinder, dass der hier auf Urlaub weilende Stiftsvorsteher Herr Pfarrer Eckstein, ihrer Einladung folgte und Birkenhof gemäß mit Familie im Turnsaal bäuchlings (Was Typisch für die Klapp´sche Kriechkur ist) mit Ihnen Kaffee trank, und dann von seinem Leben mit seinen Soldaten im hohen Norden erzählte.[25]

Mit der Verschärfung des Totalen Krieges und der Schwere der Terrorangriffe auf die Reichshauptstadt Berlin wurde am 7.8.1943 die Evakuierung von 23 Kinder mit ihren Erzieherinnen ins Naemi-Wilke-Stift in der Stadt Guben (Bescheinigung vom 7.8.1944[26]) als Vorsichtsmaßnahme durchgeführt. Frau Frühling übernahm hier die verantwortliche Betreuung am Evakuierungsort[27], wo das Klapp´sche Kriechen fortgeführt wurde. Es begann das Ende des „Klapp´schen Kriechens“ in Spandau.

Als großes Erlebnis findet man im Bericht der Zeit vom 1.4.1944/31.3.194: „Fräulein Brüggemann heiratet!“ Sie heiratete den Fregattenkapitän Frühling. Jedoch zeichnete sich im Dezember 1944 die Wahrscheinlichkeit ab, dass die Russen näher kommen würden. So zogen am 8.2.1945 die 22 Kinder samt 4 Mitarbeitern wieder zurück zum Johannesstift.[28]

Am 6.3.1945 zog die nächste Evakuierungsgruppe unter der Leitung von Frau Frühling Richtung Rastede (Oldenburg) um. Es waren diesmal 16 Pfleglinge mit 4 Erwachsenen. Ende Mai 1946 wird das ausgelagerte „Haus Birkenhof“  in Rastede aufgelöst.

Der Wunsch einer Wiederaufnahme des normalen Betriebs im „Haus Birkenhof“ im Johannesstift konnte nicht erfüllt werden. Es gab dafür viele Gründe: die Ablehnungen gegenüber des Klapp´schen Kriechverfahrens seitens des neuen Stiftsvorstehers sowie des neuen Heimarztes Dr. Bartenwerfer, finanzielle Gründe, die Gründung eines Krankenhauses mit einer eigenen orthopädischen Einrichtung und die Tatsache, dass Frau Frühling[29] nicht mehr in das Stift zurückgekommen würde, da verheiratet, und Rastede nicht mehr verlassen wollte. Fräulein Grube übernahm die Heilgymnastik. Hier endet das Klapp`sche Kriechen in Berlin-Spandau.

 

MARBURGER STATION (ab 1928)

Rudolf Klapp erhielt einen Lehrstuhl an der Universität Marburg und war 1933 bis 1936 der Dekan der Medizinischen Fakultät. Mit der Mithilfe von Annemarie Korth baute er eine neue Gymnastikschule auf.

In der ersten Phase erwarb sich Klapp in Bedeutende Verdienste in der Heilgymnastik. Er gründete eine bis heute bestehende Schule zur Ausbildung von Physiotherapeuten.

In der zweiten Phase, der „braunen Phase“, meldete sich Rudolf Klapp  1933 als Förderndes Mitglied der SS, Mitglied des NS-Ärztebundes und des NS-Lehrerbundes. Im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler. Meiner Ansicht nach nutze Rudolf Klapp dieses aus, um in kürzerer Zeit eine höhere Positionen zu bekommen.

Unter dem Motto „Alle Kraft dem Rumpfe“ fand Rudolf Klapp mit seinem  Kriechverfahren (Die Vierfüßlerhaltung als Grundlage für Rumpfübungen“ bei den XI. Olympischen Spielen 1936 in Berlin Anerkennung. Die praktische Demonstration des Klapp´schen Kriechverfahrens (Mobilisieren - Stabilisieren) fand auf dem „Kongress für körperliche Erziehung“  im Rahmen des Internationalen Sportstudenten-Lagers statt.[30]

Diese sogenannte Klappschule in Marburg wurde 1944 verstaatlicht und dem jeweiligen Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Marburg unterstellt. Die Weiterführung des praktischen Unterrichtes im Fach „Klappsche Kriechen“ übernahm Ella Bierdeck die später zusammen mit Ingeborg Heß die Ausrichtung der Übungen im Sinne des alten Chefs überwachte. In Marburg war das Klapp´sche Kriechen bis 1986 als eigenes Fach mit Abschlussprüfung laut Curriculum obligat. Es war an dieser Schule solange als Tradition erhalten geblieben, bis die dafür ausgebildete und zuständige Fachlehrerin Lore Müller in Pension ging.

1944 wurde Rudolf Klapp in Marburg  emeritiert. Ab dieser Zeit konnte er sich nicht mehr mit seiner Methode beschäftigen. Es standen zunächst die Versorgung der Verwundeten des Krieges im Vordergrund und die Beseitigung der vielen Kriegsschäden an seiner Klinik.

Rudolf Klapp starb im Februar 1949, wenige Tage vor seinem alten Lehrer und Waldecker Landsmann August Bier, mit dem ihn eine Freundschaft verband, wie man sie selten zwischen Lehrer und Schüler so wieder zu sehen bekam.

Nach dem 2. Weltkrieg habilitierte sein Sohn Bernhard Klapp, der ein Patensohn Biers war, in Marburg ebenfalls als Chirurg und führte das Werk seines Vaters fort. Er gab ein Lehrbuch in Zusammenarbeit mit Ella Bierdeck und Ingeborg Hess über die „Klapp´sche Kriechmethode“ heraus. Bernhard Klapp versucht noch das Klapp´sche Kriechen europäisch salonfähig zu machen. Zusammen mit Ella Bierdeck gab er eine zehntägige Fortbildung in Brüssel und gab ein Vortrag in Paris.

 

Heute, 2017 ist das Klapp´sche Kriechverfahren stark in Vergessenheit geraten. Aber viele Ansätze leben in Verfahren weiter. Ich bin der Meinung, dass das „Klapp´sche Kriechverfahren“ wieder neu Erfasst werden sollte, und da bin ich nicht der erste, der dieses so empfindet. Es ist eine sehr effektive und wirksame Behandlungstechnik.[31] Die aktuellste und umfangreiche Überarbeitung dieser Technik wurde von Frau Hirsch erstellt und gehört zum „Canon der der Physiotherapie“.

 

Diesen kurzen Text möchte ich beenden mit einem Satz aus dem Werk (Vorwort) von Gertrud Schulz. Diese Orthopädische Turnlehrerin, die als Mitarbeiterin von Rudolf Klapp sehr aktiv gewesen war, schrieb, ich vermute leicht genervt und gefrustet durch die ständigen Anfeindungen seitens anderer Mediziner und Gymnastikern: „Bei einem so stark wissenschaftlich fundierten Verfahren wie dem Kriechsystem, wurde es meiner inzwischen gewonnenen Erfahrung gemäß notwendig, der wissenschaftlichen Grundlage die methodische Darstellung zu opfern. Man tötet sonst die Entwicklungsmöglichkeit des Verfahrens.“[32] Wie wahr!

 

Literatur

  1.  Bergerhoff, Tobias. Klappsches Kriechen. Orthopädisches Turnen von gestern im Zeitalter der EBM. pt_Zeitschrfit für Physiotherapeuten_62, 48-52, 2010
  2. Blau, Evelyne. Rudolf Klapp – Marburger Chirurg und Orthopäde im Dritten Reich. Tectum Verlag, Marburg, 2007
  3.  HAEJS - Historisches Archiv des Evangelischen Johannesstifts Berlin
  4. Klapp, Bernhard. Das Klapp´sche Kriechverfahren. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1952
  5. Lochmüller, Hanna. Die Klappschen Kriechübungen – Ein methodischer Leitfaden für die Schule. B.G. Teubner, Berlin –Leipzig, 1924 und 1926
  6.  Lubinus J.H. Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik. Verlag von J.F. Bergmann, 1917
  7. Matthias, Eugen. Lehrbuch der Heilgymnastik. J.F. Lehmanns Verlag, München, 1937
  8. Meyer, Paul. Unterhaltende Gymnastik und Haltungstunen in Spielformen. Verlag von B. G. Teubner, Berlin, 1927
  9. Münchner medizinischen Wochenschrift, Nr. 47, 1921
  10. Schmidt, Ferdinand August. Unser Körper. R. Voigtländer Verlag in Leipzig, Leipzig, 1923
  11. Schulz, Gertrud. Das Klappsche Kriechverfahren.  Verlag und Druck von B.G. Teubner, Leipzig und Berlin – Leipzig, 1925
  12. Stratmann, Annette. Mit Händen und Füßen zur Aufrichtung. Schriftenreihe des Instituts für bewegungswissenschaftliche Anthropologie e.V. Band 13, Hamburg, 2004
  13. Oldevig, J. Ein neues Gerät und neue Übungen der schwedischen Heilgymnastik zur Behandlung von Rückrats-Verkrümmungen.  Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH, 1913

 


[1] Blau, Evelyne. Rudolf Klapp – Marburger Chirurg und Orthopäde im Dritten Reich. Tectum Verlag, Marburg, 2007

[2] Stratmann, Annette. Mit Händen und Füßen zur Aufrichtung. Schriftenreihe des Instituts für bewegungswissenschaftliche Anthropologie e.V. Band 13, Hamburg 2004

[3] Hirsch, Susanne. Klappsches Kriechen heute – es klappt!: Eine effiziente Behandlungsmethode neu entdeckt. Pflaum, R; Auflage: 1., Aufl. 2007 

[4] Schulz, Gertrud. Das Klappsche Kriechverfahren. Verlag und Druck von B.G. Teubner-Leipzig und Berlin, 1925 s.2 

[6] Myself, Juli 2017

[7] Oldevig, J. Ein neues Gerät und neue Übungen der schwedischen Heilgymnastik zur Behandlung von Rückrats-Verkrümmungen.  Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH, 1913

[8] Oldevig, J. Ein neues Gerät und neue Übungen der schwedischen Heilgymnastik zur Behandlung von Rückrats-Verkrümmungen.  Springer-Verlag Berlin Heidelberg GmbH, 1913

[9] Zander und Wilhelm Schulthess: Begründer der maschinellen Gymnastik.  Jede Skoliose wurde in einem Pendelapparat, der mit Gewichten, Pelotten usw. versehen war, behandelt.

[10] Schmidt, Ferdinand August. Unser Körper. R. Voigtländer Verlag in Leipzig, 1923 100-103

[11] Lubinus J.H. Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik. Verlag von J.F. Bergmann 1917, 123-126

[12] Münchner medizinischen Wochenschrift 1921, Nr. 47

[13] Matthias, Eugen. Lehrbuch der Heilgymnastik. J.F. Lehmanns Verlag, München 1937, 63-64

[14] HAEJS 4-PAP/103

[15] HAEJS 4-PAP/8

[16] HAEJS 4-PAP/8

[17] HAEJS 4-PAP/8

[18] HAEJS 4-PAP/103

[19] HAEJS 4-PAP/103

[20] Bräutigam, Helmut. Das Evangelische Johannesstift – Eine Zeitreise in Bildern. Wichern-Verlag, 1910 ?

[21] HAEJS 3/20

[22] HAEJS 3/20

[23] HAEJS 3/65

[24] HAEJS 3/65

[25] HAEJS 3/65

[26] HAEJS 4-PAP/103

[27] HAEJS 4-PAP/103

[28] HAEJS 3/65

[29] HAEJS 4-PAP/103

[30] Prof. Klapp. Die Vierfüßlerhaltung als Grundlage für Rumpfübungen. Kongress für Körperliche Erziehung vom 24. Juli bis zum 31.juli 1936 anlässlich der XI. Olympische Spiele  in Berlin, Brandenburgische Buchdruckerei und Verlagsanstalt G.m.b.H, Berlin-Schöneberg

[31] Bergerhoff, Tobias. Klappsches Kriechen. Orthopädisches Turnen von gestern im Zeitalter der EBM. pt_Zeitschrfit für Physiotherapeuten_62, 2010  48-52

[32] Schulz, Gertrud. Das Klappsche Kriechverfahren.  Verlag und Druck von B.G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1925

 


ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr)  Herkunfstland: Deutsches Reich
ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr) Herkunfstland: Deutsches Reich

 

 

 

Die ganz Schlauen sehen um fünf Ecken

und sind geradeaus blind.

 

Benjamin Franklin

(1706 - 1790), US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler,

Erfinder und Schriftsteller


1939 Das Heilpraktikergesetz

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  1. Die Krankengymnastin (auch medizinische Hilfsarbeiterin genannt), war Helferin des Orthopäden.

1945  In Gedenken

Name: Harald Dohrn

17.04.1885 - 29.04.1945

Beruf: Heilgymnast

 

Erschossen 9 Tage vor Kriegsende durch die NS .

Grund: Kontakte zur Widerstandsorganisation Weiße Rose.

 

Bestattet: Friedhof am Perlacher Forst in München

 

 


1948    48er Gruppe

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Personengruppe:

Asta von Mülmann: 1949 Herausgabe der ersten Zeitschrift "Krankengymnastik"

Christa Dültgen: Siehe unten

Gertrud Finke: Keine Informationen - gibt es diese überhaupt?

Irmgard Kolde: Keine Informationen

Fräulein Gustedt: Keine Informationen (2. Kaiserreich) - gibt es diese überhaupt?

 

Am 03. April 1948 gründet diese Gruppe in Heidelberg eine "Zentralorganisation" für Krankengymnasten unter der Leitung von Irmgard Kolde. Hauptziel dieser Organisation war es:

1) den Berufsstand in Deutschland zu stärken.

2) Landesverbände zu strukturieren und gründen

3) Ausbildung und Fortbildungen anzugleiche, erstellen und fördern

4)...


1948 Christa Dültgen

 

 

Christa Dültgen, eine einzigartige Dreiepochenbiografie

Text Tobias Langohr

 

„Wenn du deine Lebensumstände nicht ändern kannst, 

 musst du eben deine Einstellung zu deinen Lebensumständen ändern“.

 

    Für die Geschichtsschreibung der Physiotherapie möchte ich eine Parallele zur Milchstraße ziehen, ab und zu findet man Planeten, an denen man sich gut orientieren kann oder Sternenkonstellationen, denen man wegen ihres aufregenden Aussehens einen Namen geben kann.

   Die heutige deutsche Physiotherapie beruht historisch auf einer „Konstellationsbezeichnung“, nämlich die 48er Gruppe, die ich zum ersten Mal im Buch von Antje Hüter-Becker (1941-2016) gelesen habe. Auf diese Bezeichnung wird von späteren Autoren von Büchern, Monografien und Dissertationen bis heute noch eifrig hingewiesen. Ich mag bezweifeln, dass jemand heute überhaupt darüber was Genaueres weiß.

   Es sind mehrere Gruppen mit dieser zweistelligen Nummer und Buchstaben in der Literatur bekannt, unter anderem die 48er Revolution und der Bund der 48er, der aus dem zweiten Kaiserreich stammt, und im Jahre 1919 unter anderem damit beschäftigt war, Antisemitischen Flugblätter zur Wahl der Nationalversammlung herauszugeben. Es gibt aber auch noch die „48er Gruppe der Krankengymnastik“. Ich vermute, dass die Namensgeberin Antje Hütter-Becker selbst war.

   Nun wollte ich mal erforschen, wer und was diese Gruppe eigentlich ist und welche Bedeutung diese überhaupt in der Geschichte der Physiotherapie wirklich hat. Und siehe da, es ist mehr, als ich erhofft habe.

   Die „48er Gruppe“ gab es wirklich, bestehend aus mehreren Krankengymnastinnen aus dem damaligen Westdeutschland. Diese Damen haben sich 1948 in Heidelberg getroffen. Gründe für dieses Treffen waren unter anderem: Festlegung einer einheitlichen Ausbildungs- und Fortbildungsstruktur und Bildung der Landesverbände für Krankengymnastik.

   Über die Personen, die sich in Heidelberg getroffen haben, ist literarisch wenig zu finden (Siehe Grafik oben Stand März 2016).

   Ich möchte hier Christa Dültgen als Referenz nehmen. Wieso diese? Weil es die einzige ist, von der ich Zeitzeugen auffinden konnte und so aus erster Quelle Informationen erhalten habe. Somit muss ich nicht auf falsche und verschönerte schriftliche Auslegungen zurückgreifen.

   Nun, woher kannten sich diese Personen? Keine Ahnung. Ich vermute, dass die meisten sich von Ausbildungsinstitutionen, Parteien, Vereinen, Schulen und Arbeitskreisen kannten. Was aus dieser Gruppe geworden ist? Ob es Protokolle der Sitzungen gab? Wo sind diese? Keine Ahnung, muss nachgeforscht werden. Jedoch bin ich bei einer doch sehr interessanten Persönlichkeit hängengeblieben und darüber möchte ich hier etwas preisgeben.

 

1. Epoche : Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik

   Eine Hauptakteurin dieser Gruppe war, wie schon erwähnt, Christa Dültgen. Sie ist am 10. Dezember 1909 im Niederrheinischen Wesel geboren, nahe der Niederländischen Grenze. Die Stadt Wesel war in der Zeit des Weltkrieges militärischer Sammelpunkt für die Westfront und danach bis 1926 geprägt durch die Rheinlandbesetzung der Alliierten, da war Christa Dültgen gerade mal 17 Jahre alt.

   Nach Beendigung ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin richtete sie im elterlichen Haus (Die Eltern haben sich früh scheiden lassen) einen privaten Kindergarten ein. 1930, mit 21 Jahren, begann sie in Kiel an der berühmten Schule Dr. Lubinus (heute: Johann Hermann Lubinus Schule) die zweijährige „Dualausbildung“ zur Turnlehrerin und Krankengymnastik.

   Von 1932 bis 1937 arbeitete sie in Kindergärten und Sportvereinen.

 

2. Epoche: Drittes Reich

    Ab 1937 und während des 2. Weltkrieges arbeitet C. Dültgen als leitende Krankengymnastin in den Rotkreuz Heilanstalten Hohenlychen (SSA Lazarett), sie war im Besitz einer Rotkreuz-Mitgliedschaft.

   Diese Heilstädte waren wegen ihres Chefarztes Karl Franz Gebhardt (1897-1948) (Archiv Zusammenhänge 1) zu Recht in Verruf geraten. Gebhardt, der ebenso Leiter des medizinischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen (RAL) und Professor für Sportmedizin an der Universität in Berlin war, wurde wegen seiner Menschenversuche (Knochen- und Sulfonamidversuche) in den Heilanstalten Hohenlychen und Ravensbrück , im Nürnberger Prozess am Weihnachten 1948 durch Erhängen zum Tode verurteilt.

   Gebhardt Frau, Marianne Hess (1911 - ?) war eine sehr enge Freundin von C. Dültgen. Meine Vermutung ist, dass C. Dültgen ein doch sehr bekennendes Verhältnis zu den NS-Eliten und deren Ideologie hatte. Begründung: Hohenlychen war ein bekannter Treffpunkt für die Elite der NS-Führung, hier waren des öfteren Hitler, Himmler, Göring und Albert Speer anzutreffen. Desweiteren war C. Dültgen Mitglied der NSDAP seit 1932 (also sehr früh) und Mitglied der NS-Frauenschaft seit 1933.

   Bekannt ist auch der enge Kontakt zur Familie von Albert Speer, C. Dültgen fuhr öfters als Freundin und in ihrer Funktion als Krankengymnastin mit nach Obersalzberg (Berchtesgaden) wo A. Speers Familie (Mutter und Kinder) lebten. Die Notwendigkeit der Betreuung möchte ich auch nicht bezweifeln. Albert Speer wurde im Januar 1944 mit einer fiebrigen Entzündung im Knie in das SS-Klinikum Hohenlychen eingeliefert. Von hier aus führte der Reichsminister für Bewaffnung und Munition monatelang seine Amtsgeschäfte in Berlin weiter.

   Speer verließ am 17. März 1944 kranker als zuvor und genervt „endlich diese bedrückende Stätte“. Nach sechs Wochen Nachkur auf Burg Goyen auf einer Anhöhe über Meran und einigen Tagen der Erholung mit seiner Familie war Speer am 8. Mai 1944 wieder im Dienst.

   C. Dültgen war in dieser Zeit eine wohl überzeugte Anhängerin der damaligen Ideologie. Später hat sie sich jedenfalls gegenüber den Zeitzeugen deutlich davon distanziert. Soweit die Zeitzeugen beurteilen können, aus ehrlicher Überzeugung.

   Vom 16. bis 17. April 1945 wurde ein Lazarettzug zur Evakuierung von ca. 1.000 noch anwesenden Menschen (Personal der Heilstätte und Verwundete) bereitgestellt. Dieser Zug erreichte Flensburg ohne weitere Probleme. Wahrscheinlich ist C. Dültgen dann von hieraus zu Verwandten nach Hamburg weitergereist.

   Ich möchte hier keine persönliche Meinung abgeben, sondern darstellen, dass dieses dunkle Kapitel auch von und mit Physiotherapeuten vertreten worden ist, leider haben sich sehr wenige darüber geäußert, diese Aufarbeitung steht noch am Punkt null. Ich möchte hier auch erwähnen, dass ich mit dieser Arbeit zum ersten Mal einen klaren direkten Beweis der Existenz einer Krankengymnastik in den Jahren 1936 -1945 erhalten habe.

 

3 Epoche: Deutsche Republik

    Nach dem Sturm des 2. Weltkrieges fand C. Dültgen eine Anstellung als Krankengymnastin an der Orthopädischen Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf, wohlbemerkt war sie die erste Krankengymnastin des UKE, die in der Orthopädischen Universitätsklinik eingestellt worden war. Schon ein paar Monate später, wurde sie aufgrund ihrer auffallenden organisatorischen Kompetenz „Technische Leiterin“ (1947-1960) an der am 28.05.1947 neu gegründeten „Lehranstalt für Krankengymnastinnen“, wo sie auch bis zu ihrer Pensionierung am 30.04.1971 tätig war.

   Ihre Präsenz und Ausstrahlungskraft war mit 1,80cm sportlicher Größe kombiniert mit ihrer markanten tiefen Stimme (aufgrund einer Kehlkopfentzündung im Kindsalter) sehr beeindruckend. Ihre fachlichen und persönlichen Stärken in der Unfallchirurgie, Orthopädie (Skoliosetherapie) und Versehrtensport waren ihre Stärken und geben ein Spiegelbild der Hohenlychenzeit wieder.

   In der Lehre fanden sich so manche Eigenschaften aus alten Zeiten wieder, sie war eine strenge Lehrerin, selbstbewusst und immer zielorientiert. Damalige Schüler können sich noch an das „Dültgenisieren“ erinnern. Dieses war eine Kombination aus Lockerungsmassage und leichten schaukelnden Bewegungen.

    Christa Dültgen hat nie geheiratet. Sie hat Ihren Beruf als Lebensinhalt verstanden. Darin ist sie absolut aufgegangen. Sie gab noch sehr lange Fortbildungen und hat somit einer breiten Masse von Krankengymnasten ihr Wissen vermittelt.

    Die Entwicklung dieses Berufes war für sie sehr wichtig und ihre Partizipation essentiell, an neuen Erkenntnissen war sie immer interessiert.

   Bis ins hohe Alter war ihre Verbindung zum alten Personenkreis sowie zu ehemaligen Schülern und Kollegen immer aufrechterhalten geblieben.

   C. Dültgen war sich ihrer Person als Therapeutin sehr wohl bewusst. Den Zeitzeugen teilte sie mit, dass sie nicht ganz unmaßgeblich daran beteiligt war, aus dem Beruf der „Heilgymnastin“ den anerkannten Beruf der Krankengymnastin bzw. viel später der Physiotherapeutin entwickelt und diese Entwicklung maßgeblich befördert zu haben.

   Gisela Russel, Technische Leiterin der Schule von 1964 bis1979, anlässlich des 70. Geburtstags von C. Dültgen schrieb in Ihrer Laudatio:

 

   „Uns sind nur wenige Krankengymnastinnen aus der Entwicklung unseres Berufsstandes bekannt, die in gleichem Maße fachliche Kompetenz und persönliche Ausstrahlungskraft-Prägungskraft-besitzen. Die große Begabung als Behandlerin stand stets überzeugend neben ihren ungewöhnlichen pädagogischen Fähigkeiten.“

 

   Nach ihrer Pensionierung siedelte sie wieder in ihre Heimatstadt Wesel über, die jetzt etwas ruhiger geworden ist. Dort lebte sie zunächst in einer eigenen Wohnung, später im evangelischen Altenheim, wo sie sehr aktiv physiotherapeutische Seniorengruppen leitete und initiierte, im Heimbeirat war, Lesergruppen gründete und leitete.

    Sie erkrankte an chronischem Rheumatismus, infolge der sog. „Goldspritzen“ wurde sie schlussendlich blind und erkrankte auch noch an Brustkrebs. Dann bekam sie auch noch Morbus Parkinson, als ob das alles noch nicht genügte. Am Schluss saß sie im Rollstuhl.

   Als sie komplett blind war, hat sie sich noch auf Hörbücher der Blindenbibliohek (Marburg) eingelassen und erwähnt, dass sie noch nie in ihrem Leben so viele Bücher „gelesen“ (gehört) habe. Im ev. Altenheim gründete und leitete sie dann auch noch einen Literaturkreis.

 

Abschließend:

    Ich hoffe, dass ich mit dieser kurzen Biografie einen Stern dieser doch so wichtigen „48er“ Sternenkonstelation der deutschen Physiotherapie wieder zum Erhellen bringen konnte und würde mich freuen, wenn sich Historiker oder Physiotherapeuten dieser Thematik annehmen würden, damit sich die vielen Lücken schließen und die Identität dieses Berufes endlich ein nachvollziehbares Gesamtbild bekommt und die Identität der heutigen Physiotherapie gefestigt werden kann. Für jede weitere Information bin ich sehr dankbar.

  

Einen ganz besonderen Dank möchte ich den Zeitzeugen ausdrücken, für die Telefonate, für den Schriftverkehr und das noch vorhandene Material.   


1949 März:  Asta von Mülmann und die "Krankengymnastik"

 

Text in Bearbeitung 

 

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1949

Privatsammlung: T. Langohr


1949 November:  Gründung des ersten "Deutschen Verband für Krankengymnastik"

  1. Nach den Weltkriegen stieg der Bedarf an Krankengymnastischen Leistungen. In Kurzlehrgängen wurde Hilfspersonal zum Einsatz ausgebildet, was zu einem Qualitätsverlust in der Behandlung führte.
  2. Um diesen Missstand zu beheben, wurden Forderungen nach einem Schutz der Berufsbezeichnung und einer Interessenvertretung gegenüber Ärzten und Politik laut.
  3. 1949 in Bad Soden/Taunus: Gründung des "Zentralverband der Krankengymnastischen Landesverbände" - heute: Deutscher Verband für Physiotherapie-Zentralverband der Physiotherapeuten (ZVK e.V.), 

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