Die Krankengymnastik

Vor(mit)denker

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Allgemeine Bilder

Krankengymnastik, Gymnastik, Heilgymnastik, Naturgymnastik, Atemgymnastik, Sportgymnastik, Ausdruckstanz ...

 

Tipps zur Nachforschung:

 

Archiv: Film 01

Archiv: Film 07

Archiv: Film 11

Archiv: Film 06

 


1900 - 1945 Licht, Luft, Wasser und viel Lehm

 

In Bearbeitung 08.11.16

 

Die Helio-  und Fototherapie

 

   Um durch eine Melatoninausschüttung in den Tiefschlaf befördert zu  werden, sollte man dafür sorgen, dass kein Licht in den Raum eindringt. Empirisch, aber auch instinktiv, weiß und braucht es jedes Säugetier. Die Fledermaus geht mit bestem Beispiel voran und klappt sich bei Tage die Flügel vors Gesicht.

   Die therapeutische Anwendung des Lichts in Form der Heliotherapie ist (bestimmt)  tausende von Jahren alt, dazu benötigt man kein Bildmaterial, das es ohnehin nicht gibt.

   Ein klassisches Beispiel, welches mir als Kind besonders imponiert hat, sind die Wandreliefs des doch eher unbekannten „Ordens der Rose“. Auf diesen ist zu erkennen, wie ägyptische Götter sich von der Sonne „erleuchten“ lassen.

   Heute legt sich jeder in die Sonne oder ins Solarium, wenn er sich „down“ fühlt, um sich schon kurz danach leichter und fröhlicher zu fühlen - moderne „Heilkraft des Lichtes“.

   Homer lässt in seinem Werk wissen, dass schon in seiner Zeit die Wirkung des Sonnenlichtes bei der Behandlung von Rachitis bekannt war. Übersetzt heißt es: „…den krummbeinigen Kindern willkommen.“ Andere Autoren folgen, unter anderen Balzacs „Landarzt“, die Lichttherapie wird Bestandteil der Volksmedizin.

   Das Licht bietet Schutz und Geborgenheit. Die Dunkelheit macht Angst und Unsicherheit. Im Mittelalter, das von vielen fälschlicherweise als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet wird, hat man sich der Sonne nicht weniger gewidmet. Jedoch gewann die Astroheilkunde (Sternenlehre) mehr an Bedeutung in der Medizin.

   Die Lichtkuren als Anwendung in der Behandlung von Atemwegserkrankungen finden in der Zeit zwischen 18.-19. Jahrhundert ihren Anfang.

   Mit der Beherrschung von Elektrizität und der Erzeugung von künstlichem Licht entsteht die Fototherapie Ende des 19. Jahrhunderts. Die moderne Anwendung der Helio- und Lichttherapie in der Behandlung u.a. von Rachitis kommt Anfang des 20. Jahrhundert in Europa zur Entfaltung. Ein Hauptgrund dafür war die Industrialisierung und dessen Kinderarbeit.

   Der Berliner Kinderarzt Kurt Huldschinski (1883-1940) beobachtete, wie der bereits schon zitierte Homer, die Kinder seiner Zeit (nach dem I. Weltkrieg). Es stellte sich für ihn ein sehr verstörendes Bild dar: Deformitäten der Wirbelsäule, Deformitäten der Beine und Arme sowie erweiterte untere Brustkörbe (klassische Zeichen einer schwerwiegenden Rachitis).

   K. Huldschinski verwendete in seiner Lichtherapie Schweißerbrillen, die er den Kindern aufsetzte, um diese von Quarzquecksilberlampen („Höhensonnen“)[1] bestrahlen zu lassen.  Alle zwei Tage wurde die Lichtdosis gesteigert (von 2 auf 20 Minuten). Dazu verabreichte Huldschinski Kalzium.

   Zeuginnen (Bayern, Baden-Württemberg) berichten, dass Sie diese Form von Anwendung in den 50er und Anfang der 60er Jahren erhalten haben. Es wurde zusätzlich Lebertran verabreicht und man konnte sich noch an einem komischen Geruch erinnern.

   Die Ergebnisse waren so beeindruckend, dass er diese publizierte. Die Krankenkassen waren davon überzeugt und ließen in ganz Deutschland „Licht-Badeanstalten“ bauen, die noch bis in die 1960er Jahre in Gebrauch blieben.

   Die Zahl der geheilten Kinder durch diese Therapie ging in die Millionen. 1929 wurde K. Huldschinski für den Nobelpreis der Medizin nominiert. Als Jude musste er jedoch Deutschland verlassen und starb, von Europa vergessen, 1940 in Alexandria, Ägypten.

   Die Lichttherapie heute in der Physiotherapie ist leider stark in Vergessenheit geraten, obwohl die Wirksamkeit dieser Methode schon öfters bewiesen wurde. Heute unterscheidet man zwischen der schmerzlinderten Ultrarot-/ Infrarottherapie[2] und der antibakteriellen Ultraviolettherapie[3].

 

Die Lufttherapie

   Einer der ersten Autoren, der sich der Lufttherapie in Kombination mit der Heliotherapie widmete, war der Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli (1823-1906).  Rikli legte in den Jahren um 1865, mit teilweise seltsamen Prozeduren, den Grundstein für diese „Kur“- Anstalten.

   Als ein bekennender Wasserkur-Fan begann er früh, sich für die Literatur der Wasserheilkunde zu interessieren. Diese wandte er testweise an seinen Angestellten an. Früh bemerkte Rikli die Ineffektivität der herkömmlichen Wasserheilkunde, die auf der Heilkraft von kaltem Wasser basierte und begann mit warmen Wasser zu therapieren. Er erfand unter anderem das bekannte „ Bettdampfbad “.

   Später begann er mit Luftbädern zu experimentieren.  Diese Behandlungsmethoden waren schon vorher bekannt. Einer der bekanntesten Anhänger war Benjamin Franklin (1706-1790).

   Zualler erst ließ Rikli die abgeschlossene Sonnenbadanlage ( Sonnenbadeanstalt, Cursonnenbad) aufbauen. Es waren Flächen, die von ca. zwei Meter hohen Holzwänden abgeschlossen waren, so dass nur die Sonne ihren Dienst am Körper leisten konnte.

   Das Ganze war so ausgeklügelt, dass die Liegen immer leicht gesenkt richtung Süden ausgerichtet waren. So waren die Patienten in leichter Kleidung ca. 45 Minuten der Sonne ausgeliefert. Im Anschluss wurde ein ausgiebiges und abkühlendes Wasserbad genommen. Einige Jahre später schaffte Rikli die Wände ab und reduzierte die Zeit der Expositionen, da viele Patienten durch Überhitzung ohnmächtig wurden.

   Diese Lehre von der „Thermodiätetik“ wurde dann mit dem hier folgenden Satz überspitzt begründet: „Jeder Temperaturwechsel, also wesentlich durch Sonnenlicht, Schatten, Wind, Regen, Nebel bedingt, provoziert eine elektrische Strömung in den peripheren Nerven (Innovation genannt), pflanzt sich auf das Nervenzentrum (Gehirnmasse) fort und wird von diesem ( ) mittels feiner Nervenfäden auf die drüsigen und innerhäutige schleim-Organe, sowie auf Gefäßsystem (Blut- und Lympf- Röhrennetz übertragen.“  Übersetzt nach Robert Jütte (1996) heißt es: …es ist ein einfaches Heilverfahren, das auf der Reizempfindlichkeit des menschlichen Körpers basiert.

   Sein erster Naturheilkomplex war in Veldes (Bled) im heutigen Slowenien (damals Habsburger Territorium), wo es schnell zu einem Magnet für Kurgäste, Naturheilmediziner und Schaulustige wurde.

   Warum die Menschen in dieser Epoche sich dieser doch seltsamen Naturexposition aussetzten mag ich nur vermuten:

        - Das Stadtleben war nicht naturverbunden

        - Raus aus den dicken Klamotten

        - Wenig lichtdurchflutete Gebäude (Gassen)

 

Die Lehmtherapie - oder, „kehr zur Natur zurück“

   Zuallerletzt galt es alle Naturelemente zu vereinigen.  Der erste Versuch wurde von Adolf Just (1859 – 1936) und Freunde in der Naturheilanstalt „Jungborn“ im Harz durchgeführt. A. Just wird von Uwe Heyll (2006), als der  „letzte naturheilkundliche und fromme Laientherapeut “ beschrieben.

   Wie bei allen „Therapeuten“ bezieht sich die von Just betriebene Heilverfahrensforschung auf andere ältere Autoren u.a. Louis Kuhne (Reibesitzbad), Sebastian Kneipp, Vincenz Prießnitz, Johannes Schroth (Algäu Schroth), Arnold Rikli, Heinrich Lahmann. 1918 gründet Just eine Gesellschaft für den Vertrieb von Heilerde, sogenannter „Luvos“. So kam neben Luftbädern und Heliotherapie noch die Anwendung von Heilerde für die orale Einnahme und äußerliche Anwendung hinzu. Bekannt sind u.a. Umschläge, Wicklungen und Bäder. Als „Grunderde“ für diese Methode entschied sich A. Just für den Lehm.

   Das „System“ Jungborn verlief anfangs noch sehr erfolgreich mit schätzungsweise 30.000 Besucher im Jahr. Ab den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gerieten sie in Vergessenheit und man „kehrte den Rücken wieder der Natur zu! “. Der Zweite Weltkrieg gab der Familie Just den Rest! Durch die Sowjetbesatzung wurde die Firma enteignet. Kurze Zeit später wurden die Einrichtungen abgerissen.

   Größter Anhänger der Heilerde-Therapie war der Pastor Emanuel Felke (1856-1926). Felke war sowohl von der Lehmkur als auch von der Augendiagnostik begeistert, die er bei der Naturheilanstalt Jungborn erlebt hatte. Der „Lehmpastor“ gründete den „Jungborn“ in Repelen, sowie in Diez an der Lahn. Jedes Jahr pilgerten Anhänger aus der ganzen Welt dorthin.  Die Kur bestand aus: Gymnastik, Atemtherapie, Licht-, Luft-, Wasser- und Lehmbädern.

   Rasch entwickelten sich mehrere Vereine rund um Krefeld, Essen und Duisburg. 1904 wurde bereits ein Dachverband (Verband der Felke-Vereine) mit ca. 21 Vereinen gegründet. Ab 1908 wurde die Felke-Methode als Ausbildungskurs angeboten. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es bereits über 50 Vereine im ganzen Bundesgebiet. Auch heute gibt es noch die „Ärztliche Arbeitsgemeinschaft für Felketherapie“

   Das Zentrum der Felketherapie ist bis heute „Sobernheim“ mit fünf Anstalten. Diese Form der Anwendung ist größtenteils in Vergessenheit geraten.

 

 

 

[1] Unsichtbare Ultraviolettstrahlungen:  Anwendung bei bakteriellen Erkrankungen, schlechte Wundheilung, bei Gicht fördert diese Therapie die Ausschwemmung der Harnsäure, Fistelgänge ( 310 bis 290 Millimikron)- Lampen die dafür benützt worden sind: offene Bogen, Quecksilberdampfquarzlampe, Heldsche Bogenlampe.

[2] 800-1.400 Millimikron, Wirkung: Verbrennungen, Wärme, Erweiterung der Blutgefäße, Schmerzlinderung, Lampen: Aureol, Sollurlampe.

[3] 290-310 Millimikron, Wirkung: Antibakteriell, Ausschwämung der Harnsäure (Gicht). Lampen: Quecksilberdampfquarzlampen, Heldsche Bogenlampen, Offene Bogenlampen

 

Tipps zur Nachforschung

Hinweis aus Stuttgart Nov 2016: Essigsaure Tonerde Diacetat (Antiseptische-, Adstringierde und kühlende Wirkung). 

Hinweis aus Los Angeles Nov 2016: Jungborn in New Jersey und Kalifornien

Archiv: Film 03

 

 


1901 Johann Hermann Lubinus "Vater der deutschen PHYSIOTHERAPIE"

 1893 Lässt sich Johann Lubinus (1865-1937) in Stockholm (Schweden) an den Zandergeräten ausbilden. Dieses Wissen

überführte er nach Deutschland.

1895 Gründete Lubinus in Kiel eine Anstalt für Heilgymnastik, Orthopädie mit Massage samt Medico-

mechanischem Zander-Institut. Für die damalige Zeit ist diese Verbindung zwischen „manueller und maschineller Heilgymnastik“ ein gewagtes Novum.

1901 Gründet Lubinus die erste private „Lehranstalt für Heilgymnastik“ in Deutschland. Persönlich bezeichne ich Lubinus als den Vater der deutschen Krankengymnastik und Initiator der Krankengymnastikschulen in Deutschland. Er selber lehrte unter anderem die Fächer: Anatomie, Orthopädie, Mechanotherapie und Massage. Der Lehrplan sieht ein halbes Jahr vor für die Ausbildung zur Turnlehrerin und anderthalb Jahre für Theorie und Praxis der orthopädischen und medizinischen Gymnastik.

1910 Buch: Lehrbuch der Massage

1910 Buch: Die Verkrümmung der Wirbelsäule

1917 Ausgabe seines sehr innovativen Buches: „Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik“. Aus dem „Vorwort“

und der geschichtlichen Einleitung lässt sich deutlich ablesen, wie zukunftsorientiert dieser Arzt zu jenem Zeitpunkt war.

 

„Die Heilgymnastik erfreut sich ärztlicherseits auf dem Gebiete der Inneren und Nervenkrankheiten immer noch nicht der Wertschätzung, die diesem Heilfaktor mit Recht gebührt. Auf chirurgischem und orthopädischem Gebiet dagegen hat sie ihr Ausbreitungsgebiet in den letzten Jahrzenten wesentlich zu vergrößern gewußt und besonders in diesem großen Weltkriege zum Segen für unsere verwundeten Krieger sich herrlich bewährt.“

 

1936 Buch: Massage und Gymnastik während der Schwangerschaft und im Wochenbett.

 

Nach Lubinus verliert sich die Krankengymnastik (Als Beruf) im Dornröschenschlaf bis ca. 1950, ein Grund von vielen sind die Weltkriege, die das Auswandern vieler Vordenker der Krankengymnastik in Deutschland mit sich gebracht hat (z.B. Bertha und Karel Bobath), die Verkürzung der Ausbildung auf 1 Jahr, die sehr hohen Schulgebühren, die sehr niedrige Akzeptanz von Ärzten, die schlechte Bezahlung sowie wenig Stellenangebote.


1901 Schulen für Krankengymnastik

Bild: Steven Helmis
Bild: Steven Helmis

 Text in Bearbeitung    Stand: Oktober 2016

 

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Tipps zur Nachforschung:

 

Archiv: Film 18


1905 Dr. Greger - Dr. Rohrbach - Bernd Blindow

1905  Gründete der Berliner Arzt und Sanitätsrat Dr. Ludwig Greger eine Privatschule für Heilgymnastik. Diese erwarb Dr. med. Wilhelm Rohrbach im Jahre 1922. Zunächst wurde die Ausbildungsstätte unter der Bezeichnung "Greger`s Privatschule für Heilgymnastik, Badewesen und Elektrotherapie" fortgeführt.
1924  Wurde die Lehranstalt staatlich anerkannt und von Dr. med. Wilhelm Rohrbach nunmehr unter seinem  Namen geleitet.
1967  Evamaria Junginger (Tochter Rohrbachs) übernimmt die Leitung der Schule.
1983 Wurde ein neues Unterrichtsgebäude in Kassel-Wilhelmshöhe - direkt auf dem Gelände der Orthopädischen Klinik - eingeweiht.  Die Behandlungserfolge durch die Arbeit der Masseure und medizinischen Bademeister und die Erkenntnisse aus der Therapienotwendigkeit für die Patienten brachten in demselben Jahr zunächst den Beruf des Krankengymnasten hervor.
1994 Übernahm Diplom-Chemiker Bernd Blindow die traditionsreichen Schulen Dr. Rohrbach in seine Bernd- Blindow-Schulgruppe und sicherte somit die Weiterführung der erfolgreichen, zukunftsorientierten Lehranstalt.

 

Seit Mitte der 70er Jahre hatte er zahlreiche Ausbildungsstätten für Medizinfachberufe an verschiedenen Standorten im gesamten Bundesgebiet gegründet. Heute sind die Bernd-Blindow-Schulen in Bückeburg, Bad Sooden-Allendorf, Kassel, Hannover, Friedrichshafen aber auch u.a. in Berlin und Leipzig beheimatet.


1905 ...60% wurde von der Gymnastik geklaut... Beispiel:                             " Der Gymnastikstab"


1906 Konrad Biesalski

Im Jahr 1906 richtet der Orthopäde, Schularzt und Hochschullehrer (bekannt für seine Sonderpädagogik) Konrad Alexander Theodor Biesalski (1868-1930) in einer Wohnung über seiner Praxis in Berlin-Kreuzberg die erste soziale Rehaeinrichtung von Berlin-Brandenburg mit 10 Betten für Kinder und Jugendliche mit physischer Behinderung ein.

1914 gründet Biesalski mit Hans Würtz das Berliner Oskar-Helene-Heim in Berlin-Dahlem. Es ist der Beginn der "modernen Krüppelfürsorge".

Die körperbehinderten Kinder und Jugendlichen werden nun verstärkt ärztlich und therapeutisch versorgt und in der Arbeitsgesellschaft integriert. Es ist die Gründung der modernen Behindertenfürsorge in eigens dafür erschaffenen Einrichtungen.

1938 Als ärztlicher Direktor des Oskar Helene-Heims (OHH) verlegte Prof. Kreuz die Krankengymnastik-Schule von Eichkamp an das OHH in Berlin-Dahlem. Damit ist der Grundstein der heutigen Physiotherapieschule gelegt.

1939-1945 Das OHH ist zum Teil Lazarett, im Herbst 1945 wird die Ausbildung im erheblich zerstörten OHH wieder aufgenommen. Der erste Nachkriegskurs beginnt.

 

Bild: Auf diesem Bild ist die Stellung der "Ausführenden" Krankengymnastin zu erkennen. Der Beruf wird  in dieser Zeit (ca. 1890 - 1950)  überwiegend von Frauen ausgeübt, obwohl er für Männer schon immer zugänglich war. Hinten links am Fenster steht der Arzt und gibt die Anweisungen. Die Angst vor Konkurrenz sämtlicher Ärzte führte zu gesetzlichen Regelungen, die bis heute noch als Wilhelminisches Gedankengut erhalten ist: "Heilgymnastinnen dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht (heute: Verordnung) Kranke behandeln"

 


ca. 1880   Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr  Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)
ca. 1880 Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)

 

 

 

 

Kleinigkeiten sind es, die Perfektion ausmachen,

aber Perfektion ist alles andere als eine Kleinigkeit.

 

Sir Frederick Henry Royce (1863-1933)


1914 - 1945 Kriegskrüppelfürsorge

HISTORISCHE FOTOS / HINWEIS: Ich versichere, dass die von mir gezeigten zeitgeschichtlichen und militärhistorischen Bilder aus der Zeit von 1900 bis 1945 nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger und verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens oder der militärhistorischen und uniformkundlichen Forschung gezeigt werden, gem. Paragraph 86 und 86a StGB.

Bilder: ca. 1940 26 Fotonegative  Privatsammlung (Langohr)  Herkunftsland: Drittes Reich

 

Physiotherapie im Nationalismus

Text Tobias Langohr

 

       Nach meiner Recherche verliert sich die Spur einer erkennbaren Krankengymnastik während des I. Weltkrieges (1914-1918) sowie des II. Weltkrieges (1939-1945). Das Gegenteil liest man im Internet, jedoch ohne Literaturangabe und ohne Bildmaterial.

     Es gibt unzählige Notlehrbücher (diese gab es schon im 19. Jhd) für KrankenpflegerInnen und Sanitäter, in denen auch sämtliche Behandlungsansätze beschrieben sind, die wir heute als physiotherapeutische Techniken verkaufen u.a. die Atemtherapie, Massage und Mobilisationtechniken.

     In diesen katastrophalen Jahren waren Turn- und Gymnastiklehrerinnen, Masseure, Heilgymnasten und kurzausgebildete Helfer unter der Bezeichnung Krankengymnasten unterwegs. Die "Ausbildungen" waren inhaltlich und zeitlich von Schule zur Schule sehr unterschiedlich. Dieses führte im Jahre 1948 zur Gründung der 48er Gruppe (Siehe 1948).

     Das Leben in den überfüllten Lazaretten war unvorstellbar schwer und die Rücksendung der Soldaten Richtung Heimat oder Front öfters schnell und unvorhersehbar. Einer der wichtigsten Punkte der sozialen Kriegskrüppelversorgung von 1916, nach dem Biesalskirschen Programm lautete: " Der beste Weg dazu ist der, daß die Kriegskrüppel in orthopädischen Lazaretten gesammelt werden, in denen alle zur Erreichung der höchstmöglichen Erwerbsfähigkeit notwendigen Hilfsmittel vorhanden sind: blutige und unblutige orthopädische Nachbehandlung, Medikomechanik, Apparatebau, Handwerksstuben mit Lehrpersonal. Die geeignetsten Anstalten hierfür sind die deutschen Krüppelheime. An jedem solchen Lazarett hängt eine soziale Komission, welche die Ausmittlung einer Arbeitsstelle besorgt."

     Einen Zeitzeugen des II. Weltkriegs konnte ich befragen, dieser wurde als 17. jähriger Soldat (Division "Das Reich") bei der Schlacht von Charkow (1943) nach einer schweren Kopfschussverletzung über zwei Lazarette (u.a. Meran im Südtirol, Kloster Knechtsteden-Neuss), nach einem Zeitraum von 12 Monaten nach Düsseldorf zurückgebracht. Er kann sich nicht an Krankengymnastik erinnern, weder vor dem Krieg, noch während dessen, noch danach. Sein eingegipster Kopf wurde von Krankenschwestern täglich in alle Richtungen durchbewegt und Nackenmassage wurde ebenso von den "Schwestern" durchgeführt.

     Am 16.01.2016 erwarb ich ein doch sehr interessanter Bildernachlass. Diesen „Missing-Link“ habe ich nun aufspüren können. Es handelt sich hier um Schwarz-Weiß-Negative, diese konnte ich leider nur zum Teil vor der „Komplettausschlachtung“ retten, die anderen Bilder befinden sich irgendwo anders. Der Preis (Wert) war sehr hoch, nichts desto Trotz habe ich mich in der Pflicht gesehen, diese Bilder zu retten. Auf diesen „Propagandafotos“ ist zu sehen, dass die Krankenschwestern des Roten Kreuzes Maßnahmen durchführen, die wir vor dem Krieg und danach als „Krankengymnastik, Phototherapie, Atemtherapie“ bezeichneten. Ich mag weiterhin bezweifeln, dass es überhaupt aktive Krankengymnasten im dritten Reich gab, die eigene Praxen führten oder in Krankenhäusern unterwegs waren und hoffe auf öffentliche Hilfe, dieses zu klären.

     Zu diesen Bildern meine Vorgehensweise: 1) Auf einem der Negative ist ein Schiff im Hintergrund zu sehen, - ich habe Bilder von Lazarettschiffen angeschaut-, es ist definitiv Die Wilhelm Gustloff , ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF). 2) Der Zeitraum der Entstehung dieser Negative kann nun datiert werden auf 1937 – 1945, eher begrenzt auf 1939 – 1940, als dieses Schiff der Kriegsmarine als Lazarettschiff übergeben wurde, außerdem ist die Krankenschwester auf diesem Foto in Begleitung eines Wehrmachtssoldaten 3) die Dias müssen Teil eines Propagandamaterials sein, um mehr Krankenschwester für das „System“ zu bekommen.          Die Dias sind rechts unten mit einer kleinen Nr. versehen, was untypisch für das “Kodak“ - format der damaligen Zeit ist. Die Krankenschwester taucht allwissend bei fast allen Maßnahmen auf, was in einer 1-jährigen Notausbildung zu lernen nicht möglich ist.

     Eine zweite Zeitzeugin, die inzwischen 96 Jahre alt ist (2016) und für das Rote Kreuz als Kinderkrankenschwester in Deutschland, Italien, USA und zuletzt wieder in Deutschland gearbeitet hat, hatte auch keine Erinnerung an Krankengymnastik . Die Krankengymnastik passt auch nicht ins Wunschbild der im Jahre 1934 gegründeten „ Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“. Spätes Ergebnis der Bemühungen um eine Neue Deutsche Heilkunde war das Heilpraktikergesetz von 1939, das zwar den Heilpraktikerstand zum ersten Mal anerkannte, die Ausübung der Heilkunde aber von einer staatlichen Zulassung abhängig machte.

     Die allgemeinen Krankenhäuser in diesen Zeiträumen waren überfüllt und die ärztliche sowie Pflegeversorgung wichtiger. Hier würde ich mich sehr dafür interessieren, was in den Krankenhäusern und Lehranstalten in Dresden, München, Frankfurt a.M., Marburg und Freiburg in Bezug auf Krankengymnastik in diesem Zeitraum passiert ist. Über Freiburg ist bekannt, dass die nationalsozialistische Herrschaft (NS) an der Sportmedizin und auch der Krankengymnastik kaum Interesse zeigte.

     Was den II. Weltkrieg angeht, ist das Euthanasieprogramm (Aktion T4 und Aktion 14f13), durch das ca. 275.000 Menschen mit Behinderungen ums Leben gekommen sind, und das Auswandern von vielen Denkern der Krankengymnastik ausschlaggebend für das Schwinden der Krankengymnastik. Auch hier muss Nachforschung stattfinden. 

     Ich habe für diese Epochen keine Bilder finden können, die Krankengymnastik durch Krankengymnasten darstellen würden. Des Weiteren sind es jetzt 11 Menschen, die ich befragt habe, die über 90 Jahre alt (1915), sind ob sie jemals während des zweiten Weltkrieges etwas über Krankengymnastik gehört, erlebt, gelesen oder gesehen haben, keiner hat es. Ich wiederhole: während der Kriege. Was ich gefunden habe, sind Dokumente die Beweisen das es den Beruf "Krankengymast" existierte (Siehe Text über Christa Dültgen 1948). 

 

Tipps zur Nachforschung

Hinweis aus Heidelberg Nov 2016: Fotomaterial gefunden - In Analyse

Hinweis aus Berlin Juli 2016: Beweisdokument Beruf des Krankengymnast und Heilgymnast im Dritten Reich

Hinweise Harald Dohrn Heilgymnast und Widerstand

Vermutung Dez 2016: Direkte Beteiligung an Menschenversuche - Zusammenhänge deutig

Hinweis aus Prag Dez 2016: Material gesichtet KZ-Theresienstadt

Archiv: Film 2

Archiv: Film 10

Archiv: Film 12

Archiv: Film 13

Archiv: Film 14

 

 


1915 Kafka und sein Abo-Fitnesstraining ...

Bilder: ca. 1915 16 Fotos auf Karton Privatsammlung (Langohr)    Herkunftsland: Polen

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KAFKA UND SEIN ABO FITNESSTRAINING.pdf
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27.09.1935 Badisches Gesetz- und Verordnungs- Blatt

Die staatliche Prüfung von Krankengymnastinnen

 


1920 - 1980 Techniken/Methoden/Konzepte

          JAHR       

 

GRÜNDER

 

BERUF LAND
       

Klapp´sche Kriechen

 

1905er

 

      Rudolf Klapp (1873-1949)

Arzt (NS-Geschichte)

 

Deutschland

 

                       
       

Alexander-Technik

 

 

 

1910er

 

 

 

     

Frederick Mathias Alexander

(1869-1955)

Schauspieler,

Rezitator

 

 

geb. Tasmanien

 

 

 

                       
       

Schroth-Therapie 

 

 

 

 

1920er

 

 

 

 

     

Katharina Schroth

22.02.1894 - 19.02.1985

geb. Bauer

Gymnastiklehrerin

 

 

 

 

Deutschland

 

 

 

 

                       
       

Reflektorische Atemtherapie

 

 

1920er

 

 

 

     

Johannes Ludwig Schmitt

(1896-1963)

Arzt

 

 

 

Deutschland

 

 

 

                       
         

1960er

 

 

     

Liselotte

Brüne

(1916-?)

Krankengymnastin

 

 

geb. Uruguay/ Deutschland

 

                       
       

Feldenkrais-Methode

 

1920er

 

 

     

Moshé Feldenkrais

(1904-1984)

Ingenieur, Physiker, Judolehrer

 

Ukraine/Israel/Frankreich

 

 

                       
        Manuelle Lymphdrainage Therapie (MLD)

1930er

 

 

     

Emil Vodder

(1896-1986)

 

Philologe, Physiotherapeut

 

Dänemark

 

 

                       
       

Bobath-Konzept

 

 

 

1940er

 

 

 

      Berta Ottilie Bobath geb. Busse (1907-1991)

Physiotherapeutin

(Eng)

 

 

Deutschland, England

 

 

 

                       
                  Karel Bobath (1906-1991)

Neurologe, Kinderneurologe

Deutschland, Tschechien, England
                       
       

Rolfing-Methode

 

1950er

 

     

Ida Rolf

(1896-1979)

Biomechnanikerin

 

USA

 

       

Marnitz-Therapie

 

 

 

1950er

 

 

 

     

Harry Xaver Marnitz

(1894-1984)

 

Masseur, Heilgymnast, Arzt (NS-Geschichte)

 

 

Lettland, Deutschland

 

 

 

       

Manipulativmassage nach Terrier

 

 

1950er

 

 

 

     

J.C. Terrier

(1918-1992)

 

 

Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation

Schweiz

 

 

 

                       
       

Funktionelle Bewegungslehre (FBL)

 

1960er

 

 

 

     

Susanne Klein-Vogelbach

(1909-1996)

Gymnastiklehrerin, Physiotherapeutin

 

 

Schweiz

 

 

 

                       
       

Vojta-Methode

 

1960er

 

     

Václav Vojta

(1917-2000)

Neurologe, Kinderneurologe

Tschechien

 

                       
       

Brügger-Therapie

 

1960er

 

      Alois Brügger (1920-2001)

Arzt, Neurologe

 

Schweiz

 

                       
       

Affolter-Methode

 

1970er

 

      Félicie Affolter (1926-?)

Psychologin, Psychotherapeutin

Schweiz

 

                       
       

Kabat-Methode PNF

 

 

1980er

 

 

      Hermann Kabat (1913-1995)

Neurophysiologe

 

 

USA

 

 

                       
                  Margaret Knott (1913-1978)

Physiotherapeutin

 

 

 
                       

ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr)  Herkunfstland: Deutsches Reich
ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr) Herkunfstland: Deutsches Reich

 

 

 

Die ganz Schlauen sehen um fünf Ecken

und sind geradeaus blind.

 

Benjamin Franklin

(1706 - 1790), US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler,

Erfinder und Schriftsteller


7.6.1942  Deutschland... treibt die Physiotherapie aus Europa

Text in Bearbeitung   Stand: Januar 2016

 

Nach einer Verordnung der deutschen Militärbefehlshaber in Belgien und Frankreich haben Juden ab sofort in der Öffentlichkeit den gelben Stern zu tragen. Die Tätigkeit in Heil- und Pflegeberufen sowie in Apotheken und Drogerien wird ihnen untersagt.

 


1945  In Gedenken

Name: Harald Dohrn

17.04.1885 - 29.04.1945

Beruf: Heilgymnast

 

Erschossen 9 Tage vor Kriegsende durch die NS .

Grund: Kontakte zur Widerstandsorganisation Weiße Rose.

 

Bestattet: Friedhof am Perlacher Forst in München

 

 


1948    48er Gruppe

Text/Interview in Bearbeitung     Stand: April 2016

 

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Personengruppe:

Asta von Mülmann: 1949 Herausgabe der ersten Zeitschrift "Krankengymnastik"

Christa Dültgen: Siehe unten

Gertrud Finke: Keine Informationen - gibt es diese überhaupt?

Irmgard Kolde: Keine Informationen

Fräulein Gustedt: Keine Informationen (2. Kaiserreich) - gibt es diese überhaupt?

 

Am 03. April 1948 gründet diese Gruppe in Heidelberg eine "Zentralorganisation" für Krankengymnasten unter der Leitung von Irmgard Kolde. Hauptziel dieser Organisation war es:

1) den Berufsstand in Deutschland zu stärken.

2) Landesverbände zu strukturieren und gründen

3) Ausbildung und Fortbildungen anzugleiche, erstellen und fördern

4)...


1948 Christa Dültgen

„Wenn du deine Lebensumstände nicht ändern kannst,

 musst du eben deine Einstellung zu deinen Lebensumständen ändern“.

 

Christa Dültgen, eine einzigartige Dreiepochenbiografie

Text Tobias Langohr

 

     Für die Geschichtsschreibung der Physiotherapie möchte ich eine Parallele zur Milchstraße ziehen, ab und zu findet man Planeten, an denen man sich gut orientieren kann oder Sternenkonstellationen, denen man wegen ihres aufregenden Aussehens einen Namen geben kann.

     Die heutige deutsche Physiotherapie beruht historisch auf einer „Konstellationsbezeichnung“, nämlich die 48er Gruppe, die ich zum ersten Mal im Buch von Antje Hüter-Becker (1941-2016) gelesen habe. Auf diese Bezeichnung wird von späteren Autoren von Büchern, Monografien und Dissertationen bis heute noch eifrig hingewiesen. Ich mag bezweifeln, dass jemand heute überhaupt darüber was Genaueres weiß. 

     Es sind mehrere Gruppen mit dieser zweistelligen Nummer und Buchstaben in der Literatur bekannt, unter anderem die 48er Revolution und der Bund der 48er, der aus dem zweiten Kaiserreich stammt, und im Jahre 1919 unter anderem damit beschäftig war, Antisemitischen Flugblätter zur Wahl der Nationalversammlung herauszugeben. Es gibt aber auch noch die „48er Gruppe der Krankengymnastik“. Ich vermute, dass die Namensgeberin Antje Hütter-Becker selbst war.

     Nun wollte ich mal erforschen, wer und was diese Gruppe eigentlich ist und welche Bedeutung diese überhaupt in der Geschichte der Physiotherapie wirklich hat. Und siehe da, es ist mehr, als ich erhofft habe.

      Die „48er Gruppe“ gab es wirklich, bestehend aus mehreren Krankengymnastinnen aus dem damaligen Westdeutschland. Diese Damen haben sich 1948 in Heidelberg getroffen. Gründe für dieses Treffen waren unter anderem: Festlegung einer einheitlichen Ausbildungs- und Fortbildungsstruktur und Bildung der Landesverbände für Krankengymnastik.

     Über die Personen, die sich in Heidelberg getroffen haben, ist literarisch wenig zu finden (Siehe Grafik oben Stand März 2016)

     Ich möchte hier Christa Dültgen als Referenz nehmen. Wieso diese? Weil es die einzige ist, von der ich Zeitzeugen auffinden konnte und so aus erster Quelle Informationen erhalten habe. Somit muss ich nicht auf falsche und verschönerte schriftliche Auslegungen zurückgreifen.

     Nun, woher kannten sich diese Personen? Keine Ahnung. Ich vermute, dass die meisten sich von Ausbildungsinstitutionen, Parteien, Vereinen, Schulen und Arbeitskreisen kannten. Was aus dieser Gruppe geworden ist? Ob es Protokolle der Sitzungen gab? Wo sind diese? Keine Ahnung, muss nachgeforscht werden. Jedoch bin ich bei einer doch sehr interessanten Persönlichkeit hängengeblieben und darüber möchte ich hier etwas preisgeben.

 

1. Epoche : Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik

 

     Eine Hauptakteurin dieser Gruppe war, wie schon erwähnt, Christa Dültgen. Sie ist am 10. Dezember 1909 im Niederrheinischen Wesel geboren, nahe der Niederländischen Grenze. Die Stadt Wesel war in der Zeit des Weltkrieges militärischer Sammelpunkt für die Westfront und danach bis 1926 geprägt durch die Rheinlandbesetzung der Alliierten, da war Christa Dültgen gerade mal 17 Jahre alt.

     Nach Beendigung ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin richtete sie im elterlichen Haus (Die Eltern haben sich früh scheiden lassen) einen privaten Kindergarten ein. 1930, mit 21 Jahren, begann sie in Kiel an der berühmten Schule Dr. Lubinus (heute: Johann Hermann Lubinus Schule) die zweijährige „Dualausbildung“ zur Turnlehrerin und Krankengymnastik.

     Von 1932 bis 1937 arbeitete sie in Kindergärten und Sportvereinen.

 

2. Epoche: Drittes Reich

 

     Ab 1937 und während des 2. Weltkrieges arbeitet C. Dültgen als leitende Krankengymnastin in den Rotkreuz Heilanstalten Hohenlychen (SSA Lazarett), sie war im Besitz einer Rotkreuz-Mitgliedschaft.

     Diese Heilstädte waren wegen ihres Chefarztes Karl Franz Gebhardt (1897-1948) (Archiv Zusammenhänge 1) zu Recht in Verruf geraten. Gebhardt, der ebenso Leiter des medizinischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen (RAL) und Professor für Sportmedizin an der Universität in Berlin war, wurde wegen seiner Menschenversuche (Knochen- und Sulfonamidversuche) in den Heilanstalten Hohenlychen und Ravensbrück , im Nürnberger Prozess am Weihnachten 1948 durch Erhängen zum Tode verurteilt.

     Gebhardt Frau, Marianne Hess (1911 - ?) war eine sehr enge Freundin von C. Dültgen. Meine Vermutung ist, dass C. Dültgen ein doch sehr bekennendes Verhältnis zu den NS-Eliten und deren Ideologie hatte. Begründung: Hohenlychen war ein bekannter Treffpunkt für die Elite der NS-Führung, hier waren des öfteren Hitler, Himmler, Göring und Albert Speer anzutreffen. Desweiteren war C. Dültgen Mitglied der NSDAP seit 1932 (also sehr früh) und Mitglied der NS-Frauenschaft seit 1933.

     Bekannt ist auch der enge Kontakt zur Familie von Albert Speer, C. Dültgen fuhr öfters als Freundin und in ihrer Funktion als Krankengymnastin mit nach Obersalzberg (Berchtesgaden) wo A. Speers Familie (Mutter und Kinder) lebten. Die Notwendigkeit der Betreuung möchte ich auch nicht bezweifeln. Albert Speer wurde im Januar 1944 mit einer fiebrigen Entzündung im Knie in das SS-Klinikum Hohenlychen eingeliefert. Von hier aus führte der Reichsminister für Bewaffnung und Munition monatelang seine Amtsgeschäfte in Berlin weiter.

     Speer verließ am 17. März 1944 kranker als zuvor und genervt „endlich diese bedrückende Stätte“. Nach sechs Wochen Nachkur auf Burg Goyen auf einer Anhöhe über Meran und einigen Tagen der Erholung mit seiner Familie war Speer am 8. Mai 1944 wieder im Dienst.

     C. Dültgen war in dieser Zeit eine wohl überzeugte Anhängerin der damaligen Ideologie. Später hat sie sich jedenfalls gegenüber den Zeitzeugen deutlich davon distanziert. Soweit die Zeitzeugen beurteilen können, aus ehrlicher Überzeugung.

     Vom 16. bis 17. April 1945 wurde ein Lazarettzug zur Evakuierung von ca. 1.000 noch anwesenden Menschen (Personal der Heilstätte und Verwundete) bereitgestellt. Dieser Zug erreichte Flensburg ohne weitere Probleme. Wahrscheinlich ist C. Dültgen dann von hieraus zu Verwandten nach Hamburg weitergereist.

      Ich möchte hier keine persönliche Meinung abgeben, sondern darstellen, dass dieses dunkle Kapitel auch von und mit Physiotherapeuten vertreten worden ist, leider haben sich sehr wenige darüber geäußert, diese Aufarbeitung steht noch am Punkt null. Ich möchte hier auch erwähnen, dass ich mit dieser Arbeit zum ersten Mal einen klaren direkten Beweis der Existenz einer Krankengymnastik in den Jahren 1936 -1945 erhalten habe.

 

3 Epoche: Deutsche Republik

 

    Nach dem Sturm des 2. Weltkrieges fand C. Dültgen eine Anstellung als Krankengymnastin an der Orthopädischen Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf, wohlbemerkt war sie die erste Krankengymnastin des UKE, die in der Orthopädischen Universitätsklinik eingestellt worden war. Schon ein paar Monate später, wurde sie aufgrund ihrer auffallenden organisatorischen Kompetenz „Technische Leiterin“ (1947-1960) an der am 28.05.1947 neu gegründeten „Lehranstalt für Krankengymnastinnen“, wo sie auch bis zu ihrer Pensionierung am 30.04.1971 tätig war.

     Ihre Präsenz und Ausstrahlungskraft war mit 1,80cm sportlicher Größe kombiniert mit ihrer markanten tiefen Stimme (aufgrund einer Kehlkopfentzündung im Kindsalter) sehr beeindruckend. Ihre fachlichen und persönlichen Stärken in der Unfallchirurgie, Orthopädie (Skoliosetherapie) und Versehrtensport waren ihre Stärken und geben ein Spiegelbild der Hohenlychenzeit wieder.

     In der Lehre fanden sich so manche Eigenschaften aus alten Zeiten wieder, sie war eine strenge Lehrerin, selbstbewusst und immer zielorientiert. Damalige Schüler können sich noch an das „Dültgenisieren“ erinnern. Dieses war eine Kombination aus Lockerungsmassage und leichten schaukelnden Bewegungen.

     Christa Dültgen hat nie geheiratet. Sie hat Ihren Beruf als Lebensinhalt verstanden. Darin ist sie absolut aufgegangen. Sie gab noch sehr lange Fortbildungen und hat somit einer breiten Masse von Krankengymnasten ihr Wissen vermittelt.

     Die Entwicklung dieses Berufes war für sie sehr wichtig und ihre Partizipation essentiell, an neuen Erkenntnissen war sie immer interessiert.

     Bis ins hohe Alter war ihre Verbindung zum alten Personenkreis sowie zu ehemaligen Schülern und Kollegen immer aufrechterhalten geblieben.

     C. Dültgen war sich ihrer Person als Therapeutin sehr wohl bewusst. Den Zeitzeugen teilte sie mit, dass sie nicht ganz unmaßgeblich daran beteiligt war, aus dem Beruf der „Heilgymnastin“ den anerkannten Beruf der Krankengymnastin bzw. viel später der Physiotherapeutin entwickelt und diese Entwicklung maßgeblich befördert zu haben.

     Gisela Russel, Technische Leiterin der Schule von 1964 bis1979, anlässlich des 70. Geburtstags von C. Dültgen schrieb in Ihrer Laudatio:

     „Uns sind nur wenige Krankengymnastinnen aus der Entwicklung unseres Berufsstandes bekannt, die in gleichem Maße fachliche Kompetenz und persönliche Ausstrahlungskraft-Prägungskraft-besitzen. Die große Begabung als Behandlerin stand stets überzeugend neben ihren ungewöhnlichen pädagogischen Fähigkeiten.“

     Nach ihrer Pensionierung siedelte sie wieder in ihre Heimatstadt Wesel über, die jetzt etwas ruhiger geworden ist. Dort lebte sie zunächst in einer eigenen Wohnung, später im evangelischen Altenheim, wo sie sehr aktiv physiotherapeutische Seniorengruppen leitete und initiierte, im Heimbeirat war, Lesegruppen gründete und leitete.

     Sie erkrankte an chronischem Rheumatismus, infolge der sog. „Goldspritzen“ wurde sie schlussendlich blind und erkrankte auch noch an Brustkrebs. Dann bekam sie auch noch Morbus Parkinson, als ob das alles noch nicht genügte. Am Schluss saß sie im Rollstuhl.

     Als sie komplett blind war, hat sie sich noch auf Hörbücher der Blindenbibliohek (Marburg) eingelassen und erwähnt, dass sie noch nie in ihrem Leben so viele Bücher „gelesen“ (gehört) habe. Im ev. Altenheim gründete und leitete sie dann auch noch einen Literaturkreis.

 

Abschließend:

Ich hoffe, dass ich mit dieser kurzen Biografie einen Stern dieser doch so wichtigen „48er“ Sternenkonstelation der deutschen Physiotherapie wieder zum Erhellen bringen konnte und würde mich freuen, wenn sich Historiker oder Physiotherapeuten dieser Thematik annehmen würden, damit sich die vielen Lücken schließen und die Identität dieses Berufes endlich ein nachvollziehbares Gesamtbild bekommt und die Identität der heutigen Physiotherapie gefestigt werden kann. Für jede weitere Information bin ich sehr dankbar.

 

Einen ganz besonderen Dank möchte ich den Zeitzeugen ausdrücken, für die Telefonate, für den Schriftverkehr und das noch vorhandene Material.

 

Tipps zur Nachforschung

Archiv: Film 10

 


1949 März:  Asta von Mülmann und die "Krankengymnastik"

Text in Bearbeitung Stand: März 2016

 

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1949

Privatsammlung: T. Langohr


1949 November:  Gründung des ersten "Deutschen Verband für Krankengymnastik"

Bad Soden/Taunus: Gründung "Zentralverband der Krankengymnastischen Landesverbände" - heute: Deutscher Verband für Physiotherapie-Zentralverband der Physiotherapeuten (ZVK e.V.)


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Auf Getty Images findet man eine große Anzahl an Fotos die von sehr hohen historischen Wert für uns Physiotherapeuten sind. Es lohnt sich diese anzuschauen.