Die Krankengymnastik

Vor(mit)denker

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Allgemeine Bilder

Krankengymnastik, Gymnastik, Heilgymnastik, Naturgymnastik, Atemgymnastik, Sportgymnastik, Ausdruckstanz ...

 

Tipps zur Nachforschung:

 

Archiv: Film 01

Archiv: Film 07

Archiv: Film 11

Archiv: Film 06

 


1900 - 1945 Licht, Luft, Wasser und viel Lehm

 

In Bearbeitung 08.11.16

 

Die Helio-  und Fototherapie

 

   Um durch eine Melatoninausschüttung in den Tiefschlaf befördert zu  werden, sollte man dafür sorgen, dass kein Licht in den Raum eindringt. Empirisch, aber auch instinktiv, weiß und braucht es jedes Säugetier. Die Fledermaus geht mit bestem Beispiel voran und klappt sich bei Tage die Flügel vors Gesicht.

   Die therapeutische Anwendung des Lichts in Form der Heliotherapie ist (bestimmt)  tausende von Jahren alt, dazu benötigt man kein Bildmaterial, das es ohnehin nicht gibt.

   Ein klassisches Beispiel, welches mir als Kind besonders imponiert hat, sind die Wandreliefs des doch eher unbekannten „Ordens der Rose“. Auf diesen ist zu erkennen, wie ägyptische Götter sich von der Sonne „erleuchten“ lassen.

   Heute legt sich jeder in die Sonne oder ins Solarium, wenn er sich „down“ fühlt, um sich schon kurz danach leichter und fröhlicher zu fühlen - moderne „Heilkraft des Lichtes“.

   Homer lässt in seinem Werk wissen, dass schon in seiner Zeit die Wirkung des Sonnenlichtes bei der Behandlung von Rachitis bekannt war. Übersetzt heißt es: „…den krummbeinigen Kindern willkommen.“ Andere Autoren folgen, unter anderen Balzacs „Landarzt“, die Lichttherapie wird Bestandteil der Volksmedizin.

   Das Licht bietet Schutz und Geborgenheit. Die Dunkelheit macht Angst und Unsicherheit. Im Mittelalter, das von vielen fälschlicherweise als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet wird, hat man sich der Sonne nicht weniger gewidmet. Jedoch gewann die Astroheilkunde (Sternenlehre) mehr an Bedeutung in der Medizin.

   Die Lichtkuren als Anwendung in der Behandlung von Atemwegserkrankungen finden in der Zeit zwischen 18.-19. Jahrhundert ihren Anfang.

   Mit der Beherrschung von Elektrizität und der Erzeugung von künstlichem Licht entsteht die Fototherapie Ende des 19. Jahrhunderts. Die moderne Anwendung der Helio- und Lichttherapie in der Behandlung u.a. von Rachitis kommt Anfang des 20. Jahrhundert in Europa zur Entfaltung. Ein Hauptgrund dafür war die Industrialisierung und dessen Kinderarbeit.

   Der Berliner Kinderarzt Kurt Huldschinski (1883-1940) beobachtete, wie der bereits schon zitierte Homer, die Kinder seiner Zeit (nach dem I. Weltkrieg). Es stellte sich für ihn ein sehr verstörendes Bild dar: Deformitäten der Wirbelsäule, Deformitäten der Beine und Arme sowie erweiterte untere Brustkörbe (klassische Zeichen einer schwerwiegenden Rachitis).

   K. Huldschinski verwendete in seiner Lichtherapie Schweißerbrillen, die er den Kindern aufsetzte, um diese von Quarzquecksilberlampen („Höhensonnen“)[1] bestrahlen zu lassen.  Alle zwei Tage wurde die Lichtdosis gesteigert (von 2 auf 20 Minuten). Dazu verabreichte Huldschinski Kalzium.

   Zeuginnen (Bayern, Baden-Württemberg) berichten, dass Sie diese Form von Anwendung in den 50er und Anfang der 60er Jahren erhalten haben. Es wurde zusätzlich Lebertran verabreicht und man konnte sich noch an einem komischen Geruch erinnern.

   Die Ergebnisse waren so beeindruckend, dass er diese publizierte. Die Krankenkassen waren davon überzeugt und ließen in ganz Deutschland „Licht-Badeanstalten“ bauen, die noch bis in die 1960er Jahre in Gebrauch blieben.

   Die Zahl der geheilten Kinder durch diese Therapie ging in die Millionen. 1929 wurde K. Huldschinski für den Nobelpreis der Medizin nominiert. Als Jude musste er jedoch Deutschland verlassen und starb, von Europa vergessen, 1940 in Alexandria, Ägypten.

   Die Lichttherapie heute in der Physiotherapie ist leider stark in Vergessenheit geraten, obwohl die Wirksamkeit dieser Methode schon öfters bewiesen wurde. Heute unterscheidet man zwischen der schmerzlinderten Ultrarot-/ Infrarottherapie[2] und der antibakteriellen Ultraviolettherapie[3].

 

Die Lufttherapie

   Einer der ersten Autoren, der sich der Lufttherapie in Kombination mit der Heliotherapie widmete, war der Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli (1823-1906).  Rikli legte in den Jahren um 1865, mit teilweise seltsamen Prozeduren, den Grundstein für diese „Kur“- Anstalten.

   Als ein bekennender Wasserkur-Fan begann er früh, sich für die Literatur der Wasserheilkunde zu interessieren. Diese wandte er testweise an seinen Angestellten an. Früh bemerkte Rikli die Ineffektivität der herkömmlichen Wasserheilkunde, die auf der Heilkraft von kaltem Wasser basierte und begann mit warmen Wasser zu therapieren. Er erfand unter anderem das bekannte „ Bettdampfbad “.

   Später begann er mit Luftbädern zu experimentieren.  Diese Behandlungsmethoden waren schon vorher bekannt. Einer der bekanntesten Anhänger war Benjamin Franklin (1706-1790).

   Zualler erst ließ Rikli die abgeschlossene Sonnenbadanlage ( Sonnenbadeanstalt, Cursonnenbad) aufbauen. Es waren Flächen, die von ca. zwei Meter hohen Holzwänden abgeschlossen waren, so dass nur die Sonne ihren Dienst am Körper leisten konnte.

   Das Ganze war so ausgeklügelt, dass die Liegen immer leicht gesenkt richtung Süden ausgerichtet waren. So waren die Patienten in leichter Kleidung ca. 45 Minuten der Sonne ausgeliefert. Im Anschluss wurde ein ausgiebiges und abkühlendes Wasserbad genommen. Einige Jahre später schaffte Rikli die Wände ab und reduzierte die Zeit der Expositionen, da viele Patienten durch Überhitzung ohnmächtig wurden.

   Diese Lehre von der „Thermodiätetik“ wurde dann mit dem hier folgenden Satz überspitzt begründet: „Jeder Temperaturwechsel, also wesentlich durch Sonnenlicht, Schatten, Wind, Regen, Nebel bedingt, provoziert eine elektrische Strömung in den peripheren Nerven (Innovation genannt), pflanzt sich auf das Nervenzentrum (Gehirnmasse) fort und wird von diesem ( ) mittels feiner Nervenfäden auf die drüsigen und innerhäutige schleim-Organe, sowie auf Gefäßsystem (Blut- und Lympf- Röhrennetz übertragen.“  Übersetzt nach Robert Jütte (1996) heißt es: …es ist ein einfaches Heilverfahren, das auf der Reizempfindlichkeit des menschlichen Körpers basiert.

   Sein erster Naturheilkomplex war in Veldes (Bled) im heutigen Slowenien (damals Habsburger Territorium), wo es schnell zu einem Magnet für Kurgäste, Naturheilmediziner und Schaulustige wurde.

   Warum die Menschen in dieser Epoche sich dieser doch seltsamen Naturexposition aussetzten mag ich nur vermuten:

        - Das Stadtleben war nicht naturverbunden

        - Raus aus den dicken Klamotten

        - Wenig lichtdurchflutete Gebäude (Gassen)

 

Die Lehmtherapie - oder, „kehr zur Natur zurück“

   Zuallerletzt galt es alle Naturelemente zu vereinigen.  Der erste Versuch wurde von Adolf Just (1859 – 1936) und Freunde in der Naturheilanstalt „Jungborn“ im Harz durchgeführt. A. Just wird von Uwe Heyll (2006), als der  „letzte naturheilkundliche und fromme Laientherapeut “ beschrieben.

   Wie bei allen „Therapeuten“ bezieht sich die von Just betriebene Heilverfahrensforschung auf andere ältere Autoren u.a. Louis Kuhne (Reibesitzbad), Sebastian Kneipp, Vincenz Prießnitz, Johannes Schroth (Algäu Schroth), Arnold Rikli, Heinrich Lahmann. 1918 gründet Just eine Gesellschaft für den Vertrieb von Heilerde, sogenannter „Luvos“. So kam neben Luftbädern und Heliotherapie noch die Anwendung von Heilerde für die orale Einnahme und äußerliche Anwendung hinzu. Bekannt sind u.a. Umschläge, Wicklungen und Bäder. Als „Grunderde“ für diese Methode entschied sich A. Just für den Lehm.

   Das „System“ Jungborn verlief anfangs noch sehr erfolgreich mit schätzungsweise 30.000 Besucher im Jahr. Ab den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts gerieten sie in Vergessenheit und man „kehrte den Rücken wieder der Natur zu! “. Der Zweite Weltkrieg gab der Familie Just den Rest! Durch die Sowjetbesatzung wurde die Firma enteignet. Kurze Zeit später wurden die Einrichtungen abgerissen.

   Größter Anhänger der Heilerde-Therapie war der Pastor Emanuel Felke (1856-1926). Felke war sowohl von der Lehmkur als auch von der Augendiagnostik begeistert, die er bei der Naturheilanstalt Jungborn erlebt hatte. Der „Lehmpastor“ gründete den „Jungborn“ in Repelen, sowie in Diez an der Lahn. Jedes Jahr pilgerten Anhänger aus der ganzen Welt dorthin.  Die Kur bestand aus: Gymnastik, Atemtherapie, Licht-, Luft-, Wasser- und Lehmbädern.

   Rasch entwickelten sich mehrere Vereine rund um Krefeld, Essen und Duisburg. 1904 wurde bereits ein Dachverband (Verband der Felke-Vereine) mit ca. 21 Vereinen gegründet. Ab 1908 wurde die Felke-Methode als Ausbildungskurs angeboten. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es bereits über 50 Vereine im ganzen Bundesgebiet. Auch heute gibt es noch die „Ärztliche Arbeitsgemeinschaft für Felketherapie“

   Das Zentrum der Felketherapie ist bis heute „Sobernheim“ mit fünf Anstalten. Diese Form der Anwendung ist größtenteils in Vergessenheit geraten.

 

 

 

[1] Unsichtbare Ultraviolettstrahlungen:  Anwendung bei bakteriellen Erkrankungen, schlechte Wundheilung, bei Gicht fördert diese Therapie die Ausschwemmung der Harnsäure, Fistelgänge ( 310 bis 290 Millimikron)- Lampen die dafür benützt worden sind: offene Bogen, Quecksilberdampfquarzlampe, Heldsche Bogenlampe.

[2] 800-1.400 Millimikron, Wirkung: Verbrennungen, Wärme, Erweiterung der Blutgefäße, Schmerzlinderung, Lampen: Aureol, Sollurlampe.

[3] 290-310 Millimikron, Wirkung: Antibakteriell, Ausschwämung der Harnsäure (Gicht). Lampen: Quecksilberdampfquarzlampen, Heldsche Bogenlampen, Offene Bogenlampen

 

Tipps zur Nachforschung

 

1. Hinweis aus Stuttgart Nov 2016: Essigsaure Tonerde Diacetat (Antiseptische-, Adstringierde und kühlende Wirkung). 

2. Hinweis aus Los Angeles Nov 2016: Jungborn in New Jersey und Kalifornien

Archiv: Film 03

 

 


1901 Johann Hermann Lubinus "Vater der deutschen PHYSIOTHERAPIE"

 1893 Lässt sich Johann Lubinus (1865-1937) in Stockholm (Schweden) an den Zandergeräten ausbilden. Dieses Wissen

überführte er nach Deutschland.

1895 Gründete Lubinus in Kiel eine Anstalt für Heilgymnastik, Orthopädie mit Massage samt Medico-

mechanischem Zander-Institut. Für die damalige Zeit ist diese Verbindung zwischen „manueller und maschineller Heilgymnastik“ ein gewagtes Novum.

1901 Gründet Lubinus die erste private „Lehranstalt für Heilgymnastik“ in Deutschland. Persönlich bezeichne ich Lubinus als den Vater der deutschen Krankengymnastik und Initiator der Krankengymnastikschulen in Deutschland. Er selber lehrte unter anderem die Fächer: Anatomie, Orthopädie, Mechanotherapie und Massage. Der Lehrplan sieht ein halbes Jahr vor für die Ausbildung zur Turnlehrerin und anderthalb Jahre für Theorie und Praxis der orthopädischen und medizinischen Gymnastik.

1910 Buch: Lehrbuch der Massage

1910 Buch: Die Verkrümmung der Wirbelsäule

1917 Ausgabe seines sehr innovativen Buches: „Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik“. Aus dem „Vorwort“

und der geschichtlichen Einleitung lässt sich deutlich ablesen, wie zukunftsorientiert dieser Arzt zu jenem Zeitpunkt war.

 

„Die Heilgymnastik erfreut sich ärztlicherseits auf dem Gebiete der Inneren und Nervenkrankheiten immer noch nicht der Wertschätzung, die diesem Heilfaktor mit Recht gebührt. Auf chirurgischem und orthopädischem Gebiet dagegen hat sie ihr Ausbreitungsgebiet in den letzten Jahrzenten wesentlich zu vergrößern gewußt und besonders in diesem großen Weltkriege zum Segen für unsere verwundeten Krieger sich herrlich bewährt.“

 

1936 Buch: Massage und Gymnastik während der Schwangerschaft und im Wochenbett.

 

Nach Lubinus verliert sich die Krankengymnastik (Als Beruf) im Dornröschenschlaf bis ca. 1950, ein Grund von vielen sind die Weltkriege, die das Auswandern vieler Vordenker der Krankengymnastik in Deutschland mit sich gebracht hat (z.B. Bertha und Karel Bobath), die Verkürzung der Ausbildung auf 1 Jahr, die sehr hohen Schulgebühren, die sehr niedrige Akzeptanz von Ärzten, die schlechte Bezahlung sowie wenig Stellenangebote.


1901 Schulen für Krankengymnastik

Bild: Steven Helmis
Bild: Steven Helmis

 Text in Bearbeitung    Stand: Oktober 2016

 

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Tipps zur Nachforschung:

 

Archiv: Film 18


1905 Dr. Greger - Dr. Rohrbach - Bernd Blindow

1905  Gründete der Berliner Arzt und Sanitätsrat Dr. Ludwig Greger eine Privatschule für Heilgymnastik. Diese erwarb Dr. med. Wilhelm Rohrbach im Jahre 1922. Zunächst wurde die Ausbildungsstätte unter der Bezeichnung "Greger`s Privatschule für Heilgymnastik, Badewesen und Elektrotherapie" fortgeführt.
1924  Wurde die Lehranstalt staatlich anerkannt und von Dr. med. Wilhelm Rohrbach nunmehr unter seinem  Namen geleitet.
1967  Evamaria Junginger (Tochter Rohrbachs) übernimmt die Leitung der Schule.
1983 Wurde ein neues Unterrichtsgebäude in Kassel-Wilhelmshöhe - direkt auf dem Gelände der Orthopädischen Klinik - eingeweiht.  Die Behandlungserfolge durch die Arbeit der Masseure und medizinischen Bademeister und die Erkenntnisse aus der Therapienotwendigkeit für die Patienten brachten in demselben Jahr zunächst den Beruf des Krankengymnasten hervor.
1994 Übernahm Diplom-Chemiker Bernd Blindow die traditionsreichen Schulen Dr. Rohrbach in seine Bernd- Blindow-Schulgruppe und sicherte somit die Weiterführung der erfolgreichen, zukunftsorientierten Lehranstalt.

 

Seit Mitte der 70er Jahre hatte er zahlreiche Ausbildungsstätten für Medizinfachberufe an verschiedenen Standorten im gesamten Bundesgebiet gegründet. Heute sind die Bernd-Blindow-Schulen in Bückeburg, Bad Sooden-Allendorf, Kassel, Hannover, Friedrichshafen aber auch u.a. in Berlin und Leipzig beheimatet.


1905 ...60% wurde von der Gymnastik geklaut... Beispiel:                             " Der Gymnastikstab"


1906 Konrad Biesalski

Im Jahr 1906 richtet der Orthopäde, Schularzt und Hochschullehrer (bekannt für seine Sonderpädagogik) Konrad Alexander Theodor Biesalski (1868-1930) in einer Wohnung über seiner Praxis in Berlin-Kreuzberg die erste soziale Rehaeinrichtung von Berlin-Brandenburg mit 10 Betten für Kinder und Jugendliche mit physischer Behinderung ein.

1914 gründet Biesalski mit Hans Würtz das Berliner Oskar-Helene-Heim in Berlin-Dahlem. Es ist der Beginn der "modernen Krüppelfürsorge".

Die körperbehinderten Kinder und Jugendlichen werden nun verstärkt ärztlich und therapeutisch versorgt und in der Arbeitsgesellschaft integriert. Es ist die Gründung der modernen Behindertenfürsorge in eigens dafür erschaffenen Einrichtungen.

1938 Als ärztlicher Direktor des Oskar Helene-Heims (OHH) verlegte Prof. Kreuz die Krankengymnastik-Schule von Eichkamp an das OHH in Berlin-Dahlem. Damit ist der Grundstein der heutigen Physiotherapieschule gelegt.

1939-1945 Das OHH ist zum Teil Lazarett, im Herbst 1945 wird die Ausbildung im erheblich zerstörten OHH wieder aufgenommen. Der erste Nachkriegskurs beginnt.

 

Bild: Auf diesem Bild ist die Stellung der "Ausführenden" Krankengymnastin zu erkennen. Der Beruf wird  in dieser Zeit (ca. 1890 - 1950)  überwiegend von Frauen ausgeübt, obwohl er für Männer schon immer zugänglich war. Hinten links am Fenster steht der Arzt und gibt die Anweisungen. Die Angst vor Konkurrenz sämtlicher Ärzte führte zu gesetzlichen Regelungen, die bis heute noch als Wilhelminisches Gedankengut erhalten ist: "Heilgymnastinnen dürfen nur unter ärztlicher Aufsicht (heute: Verordnung) Kranke behandeln"

 


ca. 1880   Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr  Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)
ca. 1880 Bild/CDV Privatsammlung T. Langohr Herkunftsland: Deutsches Reich (Zittau)

 

 

 

 

Kleinigkeiten sind es, die Perfektion ausmachen,

aber Perfektion ist alles andere als eine Kleinigkeit.

 

Sir Frederick Henry Royce (1863-1933)


1914 - 1945 Kriegskrüppelfürsorge

HISTORISCHE FOTOS / HINWEIS: Ich versichere, dass die von mir gezeigten zeitgeschichtlichen und militärhistorischen Bilder aus der Zeit von 1900 bis 1945 nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger und verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung, der Aufklärung oder Berichterstattung über die Vorgänge des Zeitgeschehens oder der militärhistorischen und uniformkundlichen Forschung gezeigt werden, gem. Paragraph 86 und 86a StGB.

Bilder: ca. 1940 26 Fotonegative  Privatsammlung (Langohr)  Herkunftsland: Drittes Reich

 

Physiotherapie im Nationalismus

Text Tobias Langohr

 

       Nach meiner Recherche verliert sich die Spur einer erkennbaren Krankengymnastik während des I. Weltkrieges (1914-1918) sowie des II. Weltkrieges (1939-1945). Das Gegenteil liest man im Internet, jedoch ohne Literaturangabe und ohne Bildmaterial.

     Es gibt unzählige Notlehrbücher (diese gab es schon im 19. Jhd) für KrankenpflegerInnen und Sanitäter, in denen auch sämtliche Behandlungsansätze beschrieben sind, die wir heute als physiotherapeutische Techniken verkaufen u.a. die Atemtherapie, Massage und Mobilisationtechniken.

     In diesen katastrophalen Jahren waren Turn- und Gymnastiklehrerinnen, Masseure, Heilgymnasten und kurzausgebildete Helfer unter der Bezeichnung Krankengymnasten unterwegs. Die "Ausbildungen" waren inhaltlich und zeitlich von Schule zur Schule sehr unterschiedlich. Dieses führte im Jahre 1948 zur Gründung der 48er Gruppe (Siehe 1948).

     Das Leben in den überfüllten Lazaretten war unvorstellbar schwer und die Rücksendung der Soldaten Richtung Heimat oder Front öfters schnell und unvorhersehbar. Einer der wichtigsten Punkte der sozialen Kriegskrüppelversorgung von 1916, nach dem Biesalskirschen Programm lautete: " Der beste Weg dazu ist der, daß die Kriegskrüppel in orthopädischen Lazaretten gesammelt werden, in denen alle zur Erreichung der höchstmöglichen Erwerbsfähigkeit notwendigen Hilfsmittel vorhanden sind: blutige und unblutige orthopädische Nachbehandlung, Medikomechanik, Apparatebau, Handwerksstuben mit Lehrpersonal. Die geeignetsten Anstalten hierfür sind die deutschen Krüppelheime. An jedem solchen Lazarett hängt eine soziale Komission, welche die Ausmittlung einer Arbeitsstelle besorgt."

     Einen Zeitzeugen des II. Weltkriegs konnte ich befragen, dieser wurde als 17. jähriger Soldat (Division "Das Reich") bei der Schlacht von Charkow (1943) nach einer schweren Kopfschussverletzung über zwei Lazarette (u.a. Meran im Südtirol, Kloster Knechtsteden-Neuss), nach einem Zeitraum von 12 Monaten nach Düsseldorf zurückgebracht. Er kann sich nicht an Krankengymnastik erinnern, weder vor dem Krieg, noch während dessen, noch danach. Sein eingegipster Kopf wurde von Krankenschwestern täglich in alle Richtungen durchbewegt und Nackenmassage wurde ebenso von den "Schwestern" durchgeführt.

     Am 16.01.2016 erwarb ich ein doch sehr interessanter Bildernachlass. Diesen „Missing-Link“ habe ich nun aufspüren können. Es handelt sich hier um Schwarz-Weiß-Negative, diese konnte ich leider nur zum Teil vor der „Komplettausschlachtung“ retten, die anderen Bilder befinden sich irgendwo anders. Der Preis (Wert) war sehr hoch, nichts desto Trotz habe ich mich in der Pflicht gesehen, diese Bilder zu retten. Auf diesen „Propagandafotos“ ist zu sehen, dass die Krankenschwestern des Roten Kreuzes Maßnahmen durchführen, die wir vor dem Krieg und danach als „Krankengymnastik, Phototherapie, Atemtherapie“ bezeichneten. Ich mag weiterhin bezweifeln, dass es überhaupt aktive Krankengymnasten im dritten Reich gab, die eigene Praxen führten oder in Krankenhäusern unterwegs waren und hoffe auf öffentliche Hilfe, dieses zu klären.

     Zu diesen Bildern meine Vorgehensweise: 1) Auf einem der Negative ist ein Schiff im Hintergrund zu sehen, - ich habe Bilder von Lazarettschiffen angeschaut-, es ist definitiv Die Wilhelm Gustloff , ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF). 2) Der Zeitraum der Entstehung dieser Negative kann nun datiert werden auf 1937 – 1945, eher begrenzt auf 1939 – 1940, als dieses Schiff der Kriegsmarine als Lazarettschiff übergeben wurde, außerdem ist die Krankenschwester auf diesem Foto in Begleitung eines Wehrmachtssoldaten 3) die Dias müssen Teil eines Propagandamaterials sein, um mehr Krankenschwester für das „System“ zu bekommen.          Die Dias sind rechts unten mit einer kleinen Nr. versehen, was untypisch für das “Kodak“ - format der damaligen Zeit ist. Die Krankenschwester taucht allwissend bei fast allen Maßnahmen auf, was in einer 1-jährigen Notausbildung zu lernen nicht möglich ist.

     Eine zweite Zeitzeugin, die inzwischen 96 Jahre alt ist (2016) und für das Rote Kreuz als Kinderkrankenschwester in Deutschland, Italien, USA und zuletzt wieder in Deutschland gearbeitet hat, hatte auch keine Erinnerung an Krankengymnastik . Die Krankengymnastik passt auch nicht ins Wunschbild der im Jahre 1934 gegründeten „ Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“. Spätes Ergebnis der Bemühungen um eine Neue Deutsche Heilkunde war das Heilpraktikergesetz von 1939, das zwar den Heilpraktikerstand zum ersten Mal anerkannte, die Ausübung der Heilkunde aber von einer staatlichen Zulassung abhängig machte.

     Die allgemeinen Krankenhäuser in diesen Zeiträumen waren überfüllt und die ärztliche sowie Pflegeversorgung wichtiger. Hier würde ich mich sehr dafür interessieren, was in den Krankenhäusern und Lehranstalten in Dresden, München, Frankfurt a.M., Marburg und Freiburg in Bezug auf Krankengymnastik in diesem Zeitraum passiert ist. Über Freiburg ist bekannt, dass die nationalsozialistische Herrschaft (NS) an der Sportmedizin und auch der Krankengymnastik kaum Interesse zeigte.

     Was den II. Weltkrieg angeht, ist das Euthanasieprogramm (Aktion T4 und Aktion 14f13), durch das ca. 275.000 Menschen mit Behinderungen ums Leben gekommen sind, und das Auswandern von vielen Denkern der Krankengymnastik ausschlaggebend für das Schwinden der Krankengymnastik. Auch hier muss Nachforschung stattfinden. 

     Ich habe für diese Epochen keine Bilder finden können, die Krankengymnastik durch Krankengymnasten darstellen würden. Des Weiteren sind es jetzt 11 Menschen, die ich befragt habe, die über 90 Jahre alt (1915), sind ob sie jemals während des zweiten Weltkrieges etwas über Krankengymnastik gehört, erlebt, gelesen oder gesehen haben, keiner hat es. Ich wiederhole: während der Kriege. Was ich gefunden habe, sind Dokumente die Beweisen das es den Beruf "Krankengymnast" existierte (Siehe Text über Christa Dültgen 1948). Missing-Link gefunden am 12.06.2017 Vollständige Berufsunterlagen einer Heilgymnastin (Archiv).

 

Tipps zur Nachforschung

1. Hinweis aus Heidelberg Nov 2016: Fotomaterial gefunden - In Analyse

2. Hinweis aus Berlin Juli 2016: Beweisdokument Beruf des Krankengymnast und Heilgymnast im Dritten Reich

3. Hinweis Harald Dohrn Heilgymnast und Widerstand

4. Vermutung Dez 2016: Direkte Beteiligung an Menschenversuche - Zusammenhänge deutig

5. Hinweis aus Prag Dez 2016: Material gesichtet KZ-Theresienstadt

 

Archiv: Film 2

Archiv: Film 10

Archiv: Film 12

Archiv: Film 13

Archiv: Film 14

 

 


1915 Kafka und sein Abo-Fitnesstraining ...

Bilder: ca. 1915 16 Fotos auf Karton Privatsammlung (Langohr)    Herkunftsland: Polen

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Tipps zur Nachforschung

- Sportlehrer H.F. Borchert zitiert das "Müller-system" und die "vorzügliche Schwedische Gymnastik". Für ihn sind die Deutschen die faulsten Sportlern in ganz Europa.

- Sein Werk ist: "Das Oeuvre"!!! und seine Technik aus kommen aus dem Elteh-System, ich habe dazu nichts weiteres gefunden.

- Wenn ich die Übungen näher betrachtet, sind es kleine  Gewichtsscheiben die benütz werden. Die Übungen an sich, naja..schon das gleiche wie alle anderen der damaligen Zeit.

Krafttraining und Gesundheit


27.09.1935 Badisches Gesetz- und Verordnungs- Blatt

Die staatliche Prüfung von Krankengymnastinnen

 


1920 - 1950er Techniken/Methoden/Konzepte

 

          JAHR       

 

GRÜNDER

 

BERUF LAND        
       

Klapp´ sche Kriechen

 

1905er

 

      Rudolf Klapp (1873-1949)

Arzt (NS-Geschichte)

 

Deutschland

 

       
                               
       

Alexander-Technik

 

 

 

1910er

 

 

 

     

Frederick Mathias Alexander

(1869-1955)

Schauspieler,

Rezitator

 

 

geb. Tasmanien

 

 

 

       
                               
       

Schroth-Therapie 

 

 

 

 

1920er

 

 

 

 

     

Katharina Schroth

22.02.1894 - 19.02.1985

geb. Bauer

Gymnastiklehrerin

 

 

 

 

Deutschland

 

 

 

 

       
                               
       

Reflektorische Atemtherapie

 

 

1920er

 

 

 

     

Johannes Ludwig Schmitt

(1896-1963)

Arzt

 

 

 

Deutschland

 

 

 

       
                               
         

1960er

 

 

     

Liselotte

Brüne

(1916-?)

Krankengymnastin

 

 

geb. Uruguay, Deutschland

 

       
                               
       

Feldenkrais-Methode

 

1920er

 

 

     

Moshé Feldenkrais

(1904-1984)

Ingenieur, Physiker, Judolehrer

 

Ukraine,

Israel,

Frankreich

 

 

       
                               
        Manuelle Lymphdrainage Therapie (MLD)

1930er

 

 

     

Emil Vodder

(1896-1986)

 

Philologe, Physiotherapeut

 

Dänemark

 

 

       
                               
       

Bobath-Konzept

 

 

 

1940er

 

 

 

      Berta Ottilie Bobath geb. Busse (1907-1991)

Physiotherapeutin

(Eng)

 

 

Deutschland,

England

 

 

 

       
                               
                  Karel Bobath (1906-1991)

Neurologe, Kinderneurologe

Deutschland,

Tschechien,

England

       
                               
       

Rolfing-Methode

 

1950er

 

     

Ida Rolf

(1896-1979)

Biomechnanikerin

 

USA

 

       
       

Marnitz-Therapie

 

 

 

1950er

 

 

 

     

Harry Xaver Marnitz

(1894-1984)

 

Masseur, Heilgymnast, Arzt (NS-Geschichte)

 

 

Lettland, Deutschland

 

 

 

       
       

Manipulativmassage nach Terrier

 

 

1950er

 

 

 

     

J.C. Terrier

(1918-1992)

 

 

Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation

Schweiz

 

 

 

       
                               

1936 Das Klapp´ sche Kriechen und die Olympische Spiele

 

 „Wenn’s klappt klappt’s, wenn’s nicht klappt, klappt’s zusammen“

 

     Wenn ich heute (2017) bei Schülern, Studierenden sowie jüngeren Physiotherapeuten die Technik „Klapp´ sches Kriechverfahren„ erwähne, kann sich keiner etwas darunter vorstellen. Therapeuten, die älter als ich sind, kennen sich mit dieser Technik noch relativ gut aus, da dieses Kriechen noch als Unterrichtsfach bis ca. 1990 (z.B. Essen/Ruhr) unterrichtet wurde. Die meisten Krankengymnasten und Sportlehrer jedoch verdrehen eher die Augen, wenn ich diese Technik nur erwähne. Warum eigentlich?

     Der Hauptgrund meiner Recherche ist, das Klapp´ sche Kriechverfahren zu verstehen. Was steckt dahinter, ist es ausbaufähig? Wurde diese Technik zu früh in der Asservatenkammer der Physiotherapie abgestellt?

      Über Rudolf Klapp und seine „Kriechkur“ muss man nicht viel Neues schreiben. Eine tolle und ausführliche Biografie, geschrieben im Jahre 2007 von Evelyne Blau, ist hier zu empfehlen. Alle seine wissenschaftlichen Werke sind im Internet einlesbar und erhältlich.

     Rudolf Klapp wird am 16.02.1873 in Arolsen/Waldeck (Hessen) als jüngster von insgesamt 12 Kindern geboren. Sein Vater Bernhard Klapp (1819 – 1881) war Steuerrat und seine Mutter, Bertha Scipio, wie es sich damals gehörte, eine sehr tüchtige Hausfrau, die sich um die Kinder, auch nach dem frühen Ableben ihres Mannes, nachweisbar sehr gut sorgte.

     Rudolf Klapp war musikalisch sehr gebildet und begeisterter Fan von damaligen doch sehr strammen militärischen Auftritten, was sich später sich in seinem Organisationstalent und seiner interdisziplinären strukturierten Arbeitsvorgehensweisen wiederfindet.

     Im Klapp´schen Kriechverfahren spiegelt sich genau dieses sehr stark wieder, die praktische Ausführung in Gruppen sowie die mündliche „Unterwerfung“ erinnern eher an einen Aufmarsch, als an eine lustigen Wandergesellschaft. Zu bemerken ist hier, dass in allen orthopädischen Gymnastikformen, wie zum Beispiel an den Massenturnveranstaltungen aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sich dieser Drill wiederfindet. In der damaligen Zeit wurde dies eher als normal empfunden wurde.  Heute würde der Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen diese Disziplin nicht wirklich schaden. Therapeuten berichten noch heute über den harschen und bestimmenden Ton in der Lehre dieses Verfahrens.

     Das Kriechverfahren wurde ursprünglich hauptsächlich an Schulen durchgeführt, sozusagen im „Turnunterricht“ von Turnlehrerinnen, die mindestens ein halbes Jahr harte „Fortbildung“ im „Klapp´ schen Kriechen“ absolviert hatten.  Und die Anwendung zu „Heilzwecken“ an Patienten nur unter  fachärztlicher Beaufsichtigung Anwendungen durchführen durften. Während der Recherche zu diesem Thema  wurde mir aber erst der Stellenwert des „Klapp´ sche Kriechens“ im Sport(-Unterricht) bekannt. Im Fach Körperbildende Übungen und Rhythmische Bewegungserziehung wurde das „Klapp´sche Kriechen“ selbst 1966 noch an der Sporthochschule Köln durch Frau Lex und Frau Daibler unterrichtet.

     1889 starb Rudolfs Bruder Bernhard Klapp mit nur 26 Jahren an Tuberkulose. Bernhard litt als Kind unter einer starken Rückenerkrankung, welche? Habe ich nichts rausbekommen. Die Erfahrung mit diesem Schicksal führte wahrscheinlich auch dazu, dass Rudolf Klapp nicht den Weg eines Juristen, wie der Vater, einschlug, sondern Arzt wurde. Er widmete sich sein Leben lang dem Rücken, und schaffte mit seiner „Kriechkur“ ein persönliches Andenken an seinen Bruder geschafft haben.

     Als Wandervogel baute Rudolf Klapp seine medizinische Bildung auf. Ich vermute, dass es auch sehr starke persönlich-soziale Gründe waren, die ihn dazu ermutigten, so oft umzuziehen. Es waren immer die gleichen Menschen um ihn und mit ihm unterwegs. Das „Klapp´sche Kriechverfahren“ ist ein gruppendynamisches Turnen, und die Gruppen sollten meistens zusammenbleiben, das Turnen als Gruppe erstreckte sich über drei Monate.

     1895 legt Rudolf Klapp  in Würzburg sein Physikum in der Medizin ab. Es zog ihn nach München, um dort nur ein Semester Medizin zu absolvieren, daraufhin ging er 1898  nach Kiel, wo er sein Staatsexamen ablegte.

 

GREIFSWÄLDER STATION  (1.4.1899 – 1905) Rudolf Klapp habilitierte an der Universität Greifswald beim renommierten August Bier (1861-1949), den er schon vorher aus Kiel kannte. August Bier, ein sehr geistesreicher Mensch, wurde zu einem der größten deutschen Ärzte, und auch für die heutige Physiotherapie spielt er eine große historische Rolle.

     Bier wurde bekannt durch seine medizinische ganzheitliche Betrachtung, aber auch durch seine philosophischen Gedanken über die Seele. Bier wurde später 1929 in Berlin durch Prof. Ferdinand Sauerbruch mit dessen modernen medizinischen Ansichten abgelöst, zwei unterschiedlichere Mediziner gab es zu diesem Zeitraum wirklich nicht! Beide, Bier wie Sauerbruch, verstanden sich sehr gut und es galt unter den Studenten folgender Satz: „Wenn du etwas lernen willst, geh´ zu Bier. Wenn du etwas erleben willst, geh´ zu Sauerbruch!“. Rudolf Klapp hielt eher zu August Bier. Bier, wie schon erwähnt,  spielt auch eine sehr große Rolle in der Entwicklung der Physiotherapie, ist jedoch Hauptperson in einem anderen Artikel über die Thermotherapie.

 

BONNER STATION (ab 1905) Rudolf Klapp zog mit seinem Lehrer Bier nach Bonn. Hier wurde er  Außerordentlicher Honorarprofessor an der Universität. Er wandte sich dort noch viel mehr der Orthopädie zu, da hier viele Patienten mit Rückratsveränderungen und Haltungsschwächen behandelt werden mussten. Dieses lässt sich leicht beweisen durch die Unmengen an Schriften von Klapp, die in Bezug zur Rückenverkrümmung standen und zu deren Behandlungsformen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Zweibeiner (Vögel und Menschen) häufiger Wirbelsäulenschäden aufwiesen, als Vierbeiner, begann nun Rudolf Klapp ein Therapieverfahren zu entwickelt, das dann später als „Klapp´sches Kriechverfahren“ bezeichnet wurde. Er beobachtete sehr gerne und präzise die Natur.  Jeder, der sich mit Tieren umgibt, kann sehr gut nachvollziehen, was Klapp an seinen Hunden auffiel. Die Streckmuster der Hunde führen zu einer Mobilisation der BWS (Hunde), Aufdehnung der Brustmuskulatur und Rotationsmobilisation.

 

→ Heute  in Arbeit: Vergleich - Material USA

 

     Rudolf Klapp gehört zu den Ärzten, die sich am meisten und sehr früh mit der Behandlung von Wirbelsäulendeformitäten durch Gymnastik/Bewegung beschäftigten. Weg von Korsetts und Stützapparaten hin zur Bewegung. Er ist wenn, ich es so betrachte, der Vater der aktiven Rückenmobilisation, auch wenn diese zu Beginn erstmal aus dem Vierfüßlerstand passierte. Durch diese enorme Anstrengung entwickelten sich später die anderen Behandlungsformen, wie die Schroth-Therapie, PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation), FBL (Funktionelle Bewegungslehre) und heute das Therapeutischen Klettern und Crawling.

     Es ist klar, dass Neid und Getratsche damals wie heute auch nicht schnell auf sich warten ließen. So haben Zeitgenossen für viel Gegenwind gesorgt. Das „Klapp´sche Kriechverfahren“ sei nicht wissenschaftlich genug untersucht worden, hieß es auf Kongressen. Um das Jahre 1910 nörgelten unter anderen Axel Tagesson-Möller, Wilhelm Schulthess, der Orthopäde Georg Müller und Katharina Schroth an Rudolfs Techniken herum, nur um ihre eigenen Konzepte und Geräte an den Mann zu bringen. Es entstand regelrecht ein wirtschaftlich ausgerichteter Run zur Findung der idealen Gymnastik für Rückratsverkrümmungen.

     Rückenwind und Lob bekam Rudolf Klapp unter anderem von Ferdinand August Schmidt, Hans Spitzy (1872-1956) und vom Vater der deutschen Physiotherapie Dr. J. H. Lubinus.  Johann Lubinus belies es nicht nur bei einer Empfehlung, sondern beschrieb und illustrierte durch Fotos in der nach meiner Meinung deutschen Bibel für Physiotherapie „Lehrbuch der Medicinischen Gymnastik“ sämtliche Kriechübungen, die nach seiner Ansicht als geeignete Mobilisierung der „skolistischen Wirbelsäule“ dienten. Lubinus erwähnte hier auch für seine Zeit sehr früh, dass die Kombination aller therapeutischen und gymnastischen Möglichkeiten am besten für den Patienten sei, also der „Suppentopfbehandlungskatalog“.

     1921 erschien ein Werk von Med. Rat. Prof Müller von der Preußischen Hochschule für Leibesübungen. In diesem doch sehr wissenschaftlich ausgerichteten „Oeuvre“ mit dem schönen Titel: Untersuchungen über den Einfluss der schwedischen Spannbeuge und der klappschen Tiefkriechstellung auf die Wirbelsäule wurde das Kriechverfahren unter die Lupe genommen.

     Erst 1937 kamen auch andere „Profis“ auf die Idee, Techniken wie z.B. die mechanische Gymnastik, die Orthopädische Heilgymnastik und das Klapp´sche Kriechverfahren zu kombinieren.

      Im Grunde genommen kann man fast alle Ärzte aus dieser Epoche in einen Topf werfen, irgendwo sind immer persönliche, familiäre, akademische Verbindungen vorhanden, der Austausch ist enorm vergleichbar mit der heutigen Zeit. Unterschied: ein Korrespondenzbrief erhielt mehr Inhalt als 1000 WhatsApp Nachrichten von heute.

 

BERLINER STATION (ab 1907) Rudolf Klapp wurde außerordentlicher Professor und Leiter der Chirurgischen Universitätspoliklinik an der Universität Berlin. Hier gewann und entwickelte er viel praktische Erfahrungen mit seiner neuen „Kriechmethode“ an seiner Schule für Krankengymnastinnen.  Ab 1907 leitete der Assistent von Rudolf Klapp, Dr. Johannes Fränkel (15.9.1879 - 1925) die Krankengymnastikschule in Berlin, später Fräulein Wiebe, Fräulein Normann und ab 1914 Fräulein Gertrud Schulz.

     Dr. Johannes Fränkel spielte eine sehr wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Auslegung des Klapp´schen Kriechverfahrens. Wie vorher erwähnt, gab es viel Kritik in der damaligen Zeit, eine darunter war, dass Rudolf Klapp wenig wissenschaftlich arbeiten würde und keine gründlichen Ergebnisse vorweisen könne. Dr. Johannes Fränkel hat dieses verstärkt nachgeholt, daraus entstanden fotografische Aufnahmen die ich bis dato nicht auffinden konnte. Dass es diese gab, ist unbestreitbar.

     Bereits 1910 begann Rudolf Klapp, das nach ihm genannte „Kriechverfahren“ zur Behandlung von Skoliosen und Haltungsschäden präziser zu entwickeln. Man muss verstehen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Anzahl der an Tuberkulose (Wirbeltuberkulose) erkrankten Menschen enorm war.  Durch diese Behandlungsform (frei von Apparaten) konnte vielen geholfen werden. Später,  ca. 1920, kamen noch die vielen an Poliomyelitis Erkrankten dazu. Die Vereinigten Staaten von Amerika importierten ziemlich alle, Behandlungsmöglichkeiten und „Profis“ aus Europa. So wurden die Amerikaner auf das Klapp´sche Kriechverfahren und die Schrot-Therapie aufmerksam. Diese Techniken waren auch die Grundlagen für das PNF.

     1914: Ab dem 1. Januar übernahm dann Marianne Arnold das orthopädische Turnen. 1914 beschrieb Rudolf Klapp  erstmals eine Behandlung von Knochenbrüchen durch Extension mittels flexiblen Drahts, die sogenannte Drahtextension, eine Technik die verkürzte Gliedmaßen verhindert.

     1919 gründete er die „Schule für Heilgymnastik“ in Berlin.

     1925 starb unerwartet sein ehemaliger Schüler und vertrauter Assistent Dr. Johannes Fränkel. In einem noch heute erhaltenen schönen Nachruf brachte Rudolf Klapp diesen immensen Verlust zum Ausdruck. Die Abteilung wurde zunächst von Dr. Lüttkens übernommen und dann von Dr. Heinz Beck weitergeführt.

  In dieser Zeit wurden private „Kriechkurse“ in Berlin unter ärztlicher Aufsicht für „Rumpfschwächlinge“ und „Skoliotiker“ durch Heilgymnastinnen ausgeführt.

Ab 1926 begann eine Phase, die für mich heute etwas zum Nachdenken führt. Es wurden Heime gegründet, in denen meistens sehr junge „Patienten“ auf allen Vieren (Vierfüßlerhaltung) Tagesaktivitäten nachgingen. Der Schulunterricht und die Mahlzeiten fanden im Liegen statt.

     Das erste Heim wurde 1926 in Potsdam gegründet, ist jedoch bald finanziell ruiniert gewesen und musste schließen. Für Aufsehen und böse Blicke sorgte die Einrichtung, als sämtliche Heimbewohner, meist Jugendliche und Kinder, auf allen Vieren zur nächsten Badeanstalt krabbelten. Zu diesem Heim konnte ich leider bis Dato nichts finden (St. Joseph Krankenhaus – Alexianer?)

    Bald danach wurde 1927 das Heim auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts in Spandau gegründet. Es hieß „Haus Birkenhof“. Unter den orthopädischen Turnlehrerin Dora Troost (1903 – 2007) und später Fräulein Brüggemann (1901 - ?)  bestand es bis Kriegsende. 

 

→ In Arbeit (Archiv: Haus Birkenhof)

 

MARBURGER STATION (ab 1928) erhielt Rudolf Klapp einen Lehrstuhl an der Universität Marburg und war 1933 bis 1936 der Dekan der Medizinischen Fakultät. Mit der Mithilfe von Annemarie Korth baute er eine neue Gymnastikschule auf.

     In der ersten Phase erwarb sich Klapp in Bedeutende Verdienste in der Heilgymnastik. Er gründete eine bis heute bestehende Schule zur Ausbildung von Physiotherapeuten.

In der zweiten Phase, der „braunen Phase“, meldete sich Rudolf Klapp  1933 als Förderndes Mitglied der SS, Mitglied des NS-Ärztebundes und des NS-Lehrerbundes. Im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler. Meiner Ansicht nach nutze Rudolf Klapp dieses aus, um in kürzerer Zeit eine höhere Positionen zu bekommen.

     Im Jahre 1936 fand Rudolf Klapp mit seinem  Kriechverfahren bei den Olympischen Spielen in Berlin Anerkennung durch die praktische Demonstration des Klapp´ schen Kriechverfahrens auf dem Kongress für körperliche Erziehung im Rahmen des Internationalen Sportstudentenlagers.

   Diese sogenannte Klappschule in Marburg wurde 1944 verstaatlicht und dem jeweiligen Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Marburg unterstellt. Die Weiterführung des praktischen Unterrichtes im Fach „Klappsche Kriechen“ übernahElla Bierdeck die später zusammen mit Ingeborg Heß die Ausrichtung der Übungen im Sinne des alten Chefs überwachte.

     1944 wurde Rudolf Klapp in Marburg  emeritiert. Ab dieser Zeit konnte er sich nicht mehr mit seiner Methode beschäftigen. Es standen zunächst die Versorgung der Verwundeten des Krieges im Vordergrund und die Beseitigung der vielen Kriegsschäden an seiner Klinik.

Rudolf Klapp starb im Februar 1949, wenige Tage vor seinem alten Lehrer und Waldecker Landsmann August Bier, mit dem ihn eine Freundschaft verband, wie man sie selten zwischen Lehrer und Schüler so wieder zu sehen bekam.

     Nach dem 2. Weltkrieg habilitierte sein Sohn Bernhard Klapp, der ein Patensohn Biers war, in Marburg ebenfalls als Chirurg und führte das Werk seines Vaters fort. Er gab ein Lehrbuch in Zusammenarbeit mit Ella Bierdeck und Ingeborg Heß über die „Klapp´ sche Kriechmethode“ heraus.

     Heute, 2017 ist das Klapp´ sche Kriechverfahren selbst leider stark in Vergessenheit geraten. Aber viele Ansätze leben in heutigen verfahren weiter (siehe oben). Ich bin der Meinung, dass das „Klapp´ sche Kriechverfahren“ wieder neu Erfasst werden sollte, und da bin ich nicht der erste, der dieses so empfindet. Es ist eine effektive und wirksame Behandlungstechnik.

Diesen kurzen Text möchte ich beenden mit einem Satz aus dem Werk (Vorwort) von Gertrud Schulz. Diese Orthopädische Turnlehrerin, die als Mitarbeiterin von Rudolf Klapp sehr aktiv gewesen war, schrieb, ich vermute leicht genervt und gefrustet durch die ständigen Anfeindungen seitens andere Mediziner und Gymnastiken: „Bei einem so stark wissenschaftlich fundierten Verfahren wie dem Kriechsystem, wurde es meiner inzwischen gewonnenen Erfahrung gemäß notwendig, der wissenschaftlichen Grundlage die methodische Darstellung zu opfern. Man tötet sonst die Entwicklungsmöglichkeit des Verfahrens.“

Historische Literatur - Klapp´ sche Kriechen

 

Hinweis: aus Berlin (In Bearbeitung)

Hinweise: Buch (2007) von Susanne Hirsch - Text, Bilder und Filmmaterial (In Bearbeitung)

Hinweise: Buch (2004) von Annette Stratmann (In Bearbeitung)

 


ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr)  Herkunfstland: Deutsches Reich
ca.1930 Bild: AK Foto Privatsammlung (T. Langohr) Herkunfstland: Deutsches Reich

 

 

 

Die ganz Schlauen sehen um fünf Ecken

und sind geradeaus blind.

 

Benjamin Franklin

(1706 - 1790), US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler,

Erfinder und Schriftsteller


7.6.1942  Deutschland... treibt die Physiotherapie aus Europa

Text in Bearbeitung   Stand: Januar 2016

 

Nach einer Verordnung der deutschen Militärbefehlshaber in Belgien und Frankreich haben Juden ab sofort in der Öffentlichkeit den gelben Stern zu tragen. Die Tätigkeit in Heil- und Pflegeberufen sowie in Apotheken und Drogerien wird ihnen untersagt.

 


1945  In Gedenken

Name: Harald Dohrn

17.04.1885 - 29.04.1945

Beruf: Heilgymnast

 

Erschossen 9 Tage vor Kriegsende durch die NS .

Grund: Kontakte zur Widerstandsorganisation Weiße Rose.

 

Bestattet: Friedhof am Perlacher Forst in München

 

 


1948    48er Gruppe

Text/Interview in Bearbeitung     Stand: April 2016

 

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Personengruppe:

Asta von Mülmann: 1949 Herausgabe der ersten Zeitschrift "Krankengymnastik"

Christa Dültgen: Siehe unten

Gertrud Finke: Keine Informationen - gibt es diese überhaupt?

Irmgard Kolde: Keine Informationen

Fräulein Gustedt: Keine Informationen (2. Kaiserreich) - gibt es diese überhaupt?

 

Am 03. April 1948 gründet diese Gruppe in Heidelberg eine "Zentralorganisation" für Krankengymnasten unter der Leitung von Irmgard Kolde. Hauptziel dieser Organisation war es:

1) den Berufsstand in Deutschland zu stärken.

2) Landesverbände zu strukturieren und gründen

3) Ausbildung und Fortbildungen anzugleiche, erstellen und fördern

4)...


1948 Christa Dültgen

„Wenn du deine Lebensumstände nicht ändern kannst,

 musst du eben deine Einstellung zu deinen Lebensumständen ändern“.

 

Christa Dültgen, eine einzigartige Dreiepochenbiografie

Text Tobias Langohr

 

     Für die Geschichtsschreibung der Physiotherapie möchte ich eine Parallele zur Milchstraße ziehen, ab und zu findet man Planeten, an denen man sich gut orientieren kann oder Sternenkonstellationen, denen man wegen ihres aufregenden Aussehens einen Namen geben kann.

     Die heutige deutsche Physiotherapie beruht historisch auf einer „Konstellationsbezeichnung“, nämlich die 48er Gruppe, die ich zum ersten Mal im Buch von Antje Hüter-Becker (1941-2016) gelesen habe. Auf diese Bezeichnung wird von späteren Autoren von Büchern, Monografien und Dissertationen bis heute noch eifrig hingewiesen. Ich mag bezweifeln, dass jemand heute überhaupt darüber was Genaueres weiß. 

     Es sind mehrere Gruppen mit dieser zweistelligen Nummer und Buchstaben in der Literatur bekannt, unter anderem die 48er Revolution und der Bund der 48er, der aus dem zweiten Kaiserreich stammt, und im Jahre 1919 unter anderem damit beschäftig war, Antisemitischen Flugblätter zur Wahl der Nationalversammlung herauszugeben. Es gibt aber auch noch die „48er Gruppe der Krankengymnastik“. Ich vermute, dass die Namensgeberin Antje Hütter-Becker selbst war.

     Nun wollte ich mal erforschen, wer und was diese Gruppe eigentlich ist und welche Bedeutung diese überhaupt in der Geschichte der Physiotherapie wirklich hat. Und siehe da, es ist mehr, als ich erhofft habe.

      Die „48er Gruppe“ gab es wirklich, bestehend aus mehreren Krankengymnastinnen aus dem damaligen Westdeutschland. Diese Damen haben sich 1948 in Heidelberg getroffen. Gründe für dieses Treffen waren unter anderem: Festlegung einer einheitlichen Ausbildungs- und Fortbildungsstruktur und Bildung der Landesverbände für Krankengymnastik.

     Über die Personen, die sich in Heidelberg getroffen haben, ist literarisch wenig zu finden (Siehe Grafik oben Stand März 2016)

     Ich möchte hier Christa Dültgen als Referenz nehmen. Wieso diese? Weil es die einzige ist, von der ich Zeitzeugen auffinden konnte und so aus erster Quelle Informationen erhalten habe. Somit muss ich nicht auf falsche und verschönerte schriftliche Auslegungen zurückgreifen.

     Nun, woher kannten sich diese Personen? Keine Ahnung. Ich vermute, dass die meisten sich von Ausbildungsinstitutionen, Parteien, Vereinen, Schulen und Arbeitskreisen kannten. Was aus dieser Gruppe geworden ist? Ob es Protokolle der Sitzungen gab? Wo sind diese? Keine Ahnung, muss nachgeforscht werden. Jedoch bin ich bei einer doch sehr interessanten Persönlichkeit hängengeblieben und darüber möchte ich hier etwas preisgeben.

 

1. Epoche : Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik

 

     Eine Hauptakteurin dieser Gruppe war, wie schon erwähnt, Christa Dültgen. Sie ist am 10. Dezember 1909 im Niederrheinischen Wesel geboren, nahe der Niederländischen Grenze. Die Stadt Wesel war in der Zeit des Weltkrieges militärischer Sammelpunkt für die Westfront und danach bis 1926 geprägt durch die Rheinlandbesetzung der Alliierten, da war Christa Dültgen gerade mal 17 Jahre alt.

     Nach Beendigung ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin richtete sie im elterlichen Haus (Die Eltern haben sich früh scheiden lassen) einen privaten Kindergarten ein. 1930, mit 21 Jahren, begann sie in Kiel an der berühmten Schule Dr. Lubinus (heute: Johann Hermann Lubinus Schule) die zweijährige „Dualausbildung“ zur Turnlehrerin und Krankengymnastik.

     Von 1932 bis 1937 arbeitete sie in Kindergärten und Sportvereinen.

 

2. Epoche: Drittes Reich

 

     Ab 1937 und während des 2. Weltkrieges arbeitet C. Dültgen als leitende Krankengymnastin in den Rotkreuz Heilanstalten Hohenlychen (SSA Lazarett), sie war im Besitz einer Rotkreuz-Mitgliedschaft.

     Diese Heilstädte waren wegen ihres Chefarztes Karl Franz Gebhardt (1897-1948) (Archiv Zusammenhänge 1) zu Recht in Verruf geraten. Gebhardt, der ebenso Leiter des medizinischen Instituts der Reichsakademie für Leibesübungen (RAL) und Professor für Sportmedizin an der Universität in Berlin war, wurde wegen seiner Menschenversuche (Knochen- und Sulfonamidversuche) in den Heilanstalten Hohenlychen und Ravensbrück , im Nürnberger Prozess am Weihnachten 1948 durch Erhängen zum Tode verurteilt.

     Gebhardt Frau, Marianne Hess (1911 - ?) war eine sehr enge Freundin von C. Dültgen. Meine Vermutung ist, dass C. Dültgen ein doch sehr bekennendes Verhältnis zu den NS-Eliten und deren Ideologie hatte. Begründung: Hohenlychen war ein bekannter Treffpunkt für die Elite der NS-Führung, hier waren des öfteren Hitler, Himmler, Göring und Albert Speer anzutreffen. Desweiteren war C. Dültgen Mitglied der NSDAP seit 1932 (also sehr früh) und Mitglied der NS-Frauenschaft seit 1933.

     Bekannt ist auch der enge Kontakt zur Familie von Albert Speer, C. Dültgen fuhr öfters als Freundin und in ihrer Funktion als Krankengymnastin mit nach Obersalzberg (Berchtesgaden) wo A. Speers Familie (Mutter und Kinder) lebten. Die Notwendigkeit der Betreuung möchte ich auch nicht bezweifeln. Albert Speer wurde im Januar 1944 mit einer fiebrigen Entzündung im Knie in das SS-Klinikum Hohenlychen eingeliefert. Von hier aus führte der Reichsminister für Bewaffnung und Munition monatelang seine Amtsgeschäfte in Berlin weiter.

     Speer verließ am 17. März 1944 kranker als zuvor und genervt „endlich diese bedrückende Stätte“. Nach sechs Wochen Nachkur auf Burg Goyen auf einer Anhöhe über Meran und einigen Tagen der Erholung mit seiner Familie war Speer am 8. Mai 1944 wieder im Dienst.

     C. Dültgen war in dieser Zeit eine wohl überzeugte Anhängerin der damaligen Ideologie. Später hat sie sich jedenfalls gegenüber den Zeitzeugen deutlich davon distanziert. Soweit die Zeitzeugen beurteilen können, aus ehrlicher Überzeugung.

     Vom 16. bis 17. April 1945 wurde ein Lazarettzug zur Evakuierung von ca. 1.000 noch anwesenden Menschen (Personal der Heilstätte und Verwundete) bereitgestellt. Dieser Zug erreichte Flensburg ohne weitere Probleme. Wahrscheinlich ist C. Dültgen dann von hieraus zu Verwandten nach Hamburg weitergereist.

      Ich möchte hier keine persönliche Meinung abgeben, sondern darstellen, dass dieses dunkle Kapitel auch von und mit Physiotherapeuten vertreten worden ist, leider haben sich sehr wenige darüber geäußert, diese Aufarbeitung steht noch am Punkt null. Ich möchte hier auch erwähnen, dass ich mit dieser Arbeit zum ersten Mal einen klaren direkten Beweis der Existenz einer Krankengymnastik in den Jahren 1936 -1945 erhalten habe.

 

3 Epoche: Deutsche Republik

 

    Nach dem Sturm des 2. Weltkrieges fand C. Dültgen eine Anstellung als Krankengymnastin an der Orthopädischen Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf, wohlbemerkt war sie die erste Krankengymnastin des UKE, die in der Orthopädischen Universitätsklinik eingestellt worden war. Schon ein paar Monate später, wurde sie aufgrund ihrer auffallenden organisatorischen Kompetenz „Technische Leiterin“ (1947-1960) an der am 28.05.1947 neu gegründeten „Lehranstalt für Krankengymnastinnen“, wo sie auch bis zu ihrer Pensionierung am 30.04.1971 tätig war.

     Ihre Präsenz und Ausstrahlungskraft war mit 1,80cm sportlicher Größe kombiniert mit ihrer markanten tiefen Stimme (aufgrund einer Kehlkopfentzündung im Kindsalter) sehr beeindruckend. Ihre fachlichen und persönlichen Stärken in der Unfallchirurgie, Orthopädie (Skoliosetherapie) und Versehrtensport waren ihre Stärken und geben ein Spiegelbild der Hohenlychenzeit wieder.

     In der Lehre fanden sich so manche Eigenschaften aus alten Zeiten wieder, sie war eine strenge Lehrerin, selbstbewusst und immer zielorientiert. Damalige Schüler können sich noch an das „Dültgenisieren“ erinnern. Dieses war eine Kombination aus Lockerungsmassage und leichten schaukelnden Bewegungen.

     Christa Dültgen hat nie geheiratet. Sie hat Ihren Beruf als Lebensinhalt verstanden. Darin ist sie absolut aufgegangen. Sie gab noch sehr lange Fortbildungen und hat somit einer breiten Masse von Krankengymnasten ihr Wissen vermittelt.

     Die Entwicklung dieses Berufes war für sie sehr wichtig und ihre Partizipation essentiell, an neuen Erkenntnissen war sie immer interessiert.

     Bis ins hohe Alter war ihre Verbindung zum alten Personenkreis sowie zu ehemaligen Schülern und Kollegen immer aufrechterhalten geblieben.

     C. Dültgen war sich ihrer Person als Therapeutin sehr wohl bewusst. Den Zeitzeugen teilte sie mit, dass sie nicht ganz unmaßgeblich daran beteiligt war, aus dem Beruf der „Heilgymnastin“ den anerkannten Beruf der Krankengymnastin bzw. viel später der Physiotherapeutin entwickelt und diese Entwicklung maßgeblich befördert zu haben.

     Gisela Russel, Technische Leiterin der Schule von 1964 bis1979, anlässlich des 70. Geburtstags von C. Dültgen schrieb in Ihrer Laudatio:

     „Uns sind nur wenige Krankengymnastinnen aus der Entwicklung unseres Berufsstandes bekannt, die in gleichem Maße fachliche Kompetenz und persönliche Ausstrahlungskraft-Prägungskraft-besitzen. Die große Begabung als Behandlerin stand stets überzeugend neben ihren ungewöhnlichen pädagogischen Fähigkeiten.“

     Nach ihrer Pensionierung siedelte sie wieder in ihre Heimatstadt Wesel über, die jetzt etwas ruhiger geworden ist. Dort lebte sie zunächst in einer eigenen Wohnung, später im evangelischen Altenheim, wo sie sehr aktiv physiotherapeutische Seniorengruppen leitete und initiierte, im Heimbeirat war, Lesegruppen gründete und leitete.

     Sie erkrankte an chronischem Rheumatismus, infolge der sog. „Goldspritzen“ wurde sie schlussendlich blind und erkrankte auch noch an Brustkrebs. Dann bekam sie auch noch Morbus Parkinson, als ob das alles noch nicht genügte. Am Schluss saß sie im Rollstuhl.

     Als sie komplett blind war, hat sie sich noch auf Hörbücher der Blindenbibliohek (Marburg) eingelassen und erwähnt, dass sie noch nie in ihrem Leben so viele Bücher „gelesen“ (gehört) habe. Im ev. Altenheim gründete und leitete sie dann auch noch einen Literaturkreis.

 

Abschließend:

Ich hoffe, dass ich mit dieser kurzen Biografie einen Stern dieser doch so wichtigen „48er“ Sternenkonstelation der deutschen Physiotherapie wieder zum Erhellen bringen konnte und würde mich freuen, wenn sich Historiker oder Physiotherapeuten dieser Thematik annehmen würden, damit sich die vielen Lücken schließen und die Identität dieses Berufes endlich ein nachvollziehbares Gesamtbild bekommt und die Identität der heutigen Physiotherapie gefestigt werden kann. Für jede weitere Information bin ich sehr dankbar.

 

Einen ganz besonderen Dank möchte ich den Zeitzeugen ausdrücken, für die Telefonate, für den Schriftverkehr und das noch vorhandene Material.

 

Tipps zur Nachforschung

Archiv: Film 10

 


1949 März:  Asta von Mülmann und die "Krankengymnastik"

Text in Bearbeitung Stand: März 2016

 

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1949

Privatsammlung: T. Langohr


1949 November:  Gründung des ersten "Deutschen Verband für Krankengymnastik"

Bad Soden/Taunus: Gründung "Zentralverband der Krankengymnastischen Landesverbände" - heute: Deutscher Verband für Physiotherapie-Zentralverband der Physiotherapeuten (ZVK e.V.)


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Auf Getty Images findet man eine große Anzahl an Fotos die von sehr hohen historischen Wert für uns Physiotherapeuten sind. Es lohnt sich diese anzuschauen.